Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Oster-Editorial 2009
Karfreitage gibt’s mitunter montags und Ostern auch schon mal in der Mittagspause – vielleicht!
Ich glaube, dass man sich grundlegend öffnen muss, wenn man so etwas wie Ostern erfahren möchte. Die Annahme, dass sich Jesus irgendwie im Grab geschüttelt und gerüttelt habe und danach alles wieder von vorne begann, ist eine volkstümliche (nicht kirchliche) Überzeugung, die bereits meine Religionslehrer verständlicherweise problematisiert haben. Nein, das alles muss noch viel tiefer sitzen. So tief, dass es einem täglich widerfahren kann. Ob ich es dann wahrnehme und es mich berührt, das hängt von meiner Bereitschaft ab.
Karfreitag – am Montag? Oft fahre ich mit dem Fahrrad an einer Kinderklinik vorbei, die an einer stark befahrenen Straße liegt. Wie viele Gethsemane- oder Golgotha-Blicke besorgter Eltern habe ich da schon im Vorbeifahren aufgeschnappt. Das eingehüllte Kind auf den Armen, schützend vor die Brust gepresst, den Kopf hektisch nach links und rechts wendend, um eine Lücke im Endlosen des Straßenverkehrs zu finden, wird der Asphalt überquert, als gäbe es keine Möglichkeit, die Gefahren zu mindern. Die Angst potenziert.
Nein, ich hasse sie, diese Karfreitage, die an mir oft anonym vorbeiziehen und von denen ich nicht weiß, wie lange sie ihren jeweiligen Schrecken verbreiten und sich einbohren wie Zecken. Vielleicht kenne ich die wirklich heftigen und unmittelbaren Karfreitage noch nicht. Jedoch wären sie mir wohl kaum sympathischer. Gott will Leben. Vielleicht beginnt der Karfreitag aber viel geringer dosiert. Vielleicht.
Ostern, ja das gibt es wohl auch - und wie. Manchmal auch ohne (dicken) Karfreitag. Das ist vielleicht eine gut wirkende körperliche Selbstheilungskraft (möglicherweise samt gutem Arzt), oder es ist die erzieherische Selbstkraft eines Kindes, vielleicht auch das Musikstück im Ensemble, das plötzlich und wider Erwarten funktioniert, das ist ggf. aber auch der Sauerkirschbaum, der sich aufgrund seiner verqueren Wurzeln nicht umsetzen lassen möchte und plötzlich in seiner Würde von mir völlig neu wahrgenommen wird. Ja und es ist auch vielleicht ein körperliches Gebrechen, das Bruder Leib (O-Ton Karl Barth) befiehlt. Mit ihm arrangiert man sich und „läuft es ab“, wie mir eine Bekannte schrieb. Vielleicht.
All das und noch viel mehr geschieht in dem - mitunter zögerlich - vertrauenden und hoffenden Bewusstsein, letztlich gehalten zu werden und behütet zu sein. Mag kommen, was will. Zeit und Gelegenheit zur Klage wird immer noch sein.
Ich glaube, dass man sich grundlegend öffnen muss, wenn man so etwas wie Ostern erfahren möchte – manchmal auch im Übermaß ... Geöfffffnet ... Nur so kann man offen sein sein für die noch viel größeren Erfahrungen.
Frohe Ostern!
Matthias Paulus Kleine