Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
"Am Stamm des Kreuzes geschlachtet" vs. "Ich preise seinen Tod nicht" Aus einem lesenswerten Einspruch von Johanna Jäger-Sommer gegen die sog. Sühnetheologie mögen im wahrsten Sinne des Wortes bedenkenswerte Gedanken zitiert sein: "Wir preisen deinen Tod«, singt die Gemeinde in der katholischen Messe, »wir glauben, dass du lebst, wir hoffen, dass du kommst zum Heil der Welt ...« Einverstanden - fast: Ich preise seinen Tod nicht. ... Die Antwort der herkömmlichen Theologie: Er musste sterben, weil Gott den eigenen Sohn dahingegeben hat - »geschlachtet«, wie es in einem Passionslied heißt - als Sühne für die Sünden der Menschheit. Korrespondierend damit der gehorsame Sohn, der sich leidend opfert und uns dadurch erlöst. Kann man sich einen sadistischeren Vater-Gott vorstellen? Und einen masochistischeren Sohn? ...
Die neutestamentlichen Autoren gewichten die Pro-Existenz des Jesus von Nazareth höchst unterschiedlich. Lukas und Johannes können z.B. mit dem Sühnegedanken nichts bis kaum etwas anfangen. Leider wird diese Pluriformität häufig übersehen. Oft erweist sich auch demgegenüber, dass vom paulinischen Stellvertretungsgedanken ausgehend ("gestorben für unsere Sünden") und der folgenden Engführung u.a. durch Tertullian (juristische Logik des "Lösegelds") in Verbindung mit der systemischen Überhöhung Anselm von Canterburys (Satisfaktionstheorie) eine erhebliche Verzerrung des christlichen Gottesbildes auf den Weg kam. Dessen weitere oft unreflektierte, kirchlich geförderte und eher schlicht-volksreligiöse Pflege ließ die Vorstellung eines archaischen, quasi mit Blut handelnden und beruhigbaren Gottes internalisieren, die sich bis heute noch in Alltagsgesprächen oder Leserbrief- und Forendiskussionen niederschlägt. Bei nicht wenigen Christen führt es zu Verletzungen und Verunsicherungen, wenn vertraute (auch Gesangbuch-)Glaubensbilder - und hier aus gutem Grund - hinterfragt werden. Leider wird nicht wahrgenommen, dass sowohl die Bibel als auch die kirchliche Tradition äußerst vielschichtige Angebote der Rede von Gott bereithalten, die den befreienden Charakter der Pro-Existenz erfahrbar machen können. In diesem Zusammenhang steht die Soteriologie wieder an einem gewissen Anfangspunkt, was die derzeitige Diskussion zur Genüge aufzeigt. So tröstet es erheblich, dass das christliche Bekenntnis in Form des Nicaeno-Constantinopolitanum (381) die sozusagen offene Formel "für uns" wählte - und mehr nicht. Konstruktiv scheint unter Verwendung eines Impulses von Jürgen Werbick zu sein, Jesus als archegós, als den Anführer zum Leben zu betrachten, den Gott aus der Kultur des Todes mitsamt ihrem personalen und strukturellen Herrschaftssystem gerettet hat. (mpk) __________________________________________________________________ Kritisches zur Theologie der Matthäuspassion "Büßen für die seligen Gebeine?" mehr
Und was würde eine solche Erlösung für mich bedeuten? Durch Jesu Blut, so heißt es, seien meine Sünden abgewaschen. Ohne mein Zutun, in völliger Passivität. Hat sich dadurch für mein Leben irgendetwas geändert, bin ich Gott dadurch näher? Wohl kaum. Einem solch schrecklichen Gott kann man nicht näher kommen, den kann man nur fürchten. ... Wer sich an die Seite der Verfolgten und Rechtlosen stellt, lebt gefährlich. ... Doch es war nicht der Tod Jesu, den seine Jüngerinnen und Jünger priesen, im Gegenteil: Der ließ sie verzagen und verzweifeln - bis sie zu der Glaubensgewissheit gelangten: »Jesus lebt. Er ist von den Toten auferstanden.« Aus dieser freudigen Verkündigung, dass der menschenfreundliche Gott dem Tod nicht das letzte Wort lässt, haben sich widerständige Nachfolgegemeinschaften gebildet. Und die preisen Jesu Tod nicht, sondern seine Treue sowie den liebenden Gott, der mitten in tödlichen Strukturen Leben schafft - damals wie heute." (Publik-Forum/21.03.2008)
Die Rede von Gott braucht Bilder. Ein weiteres Bild wurde hier skizziert, weil die Archaik des Sühnegedankens grotesk wirkt und nicht überzeugen kann: Es ist das Bild der politischen Energie, die sich ihre Wege sucht. Freilich vermag der hier von Jäger-Sommer im Grundsatz richtige, jedoch insgesamt betrachtet minderdimensionale politische Strukturgedanke nicht alle Fragen des Todes Jesu zu erklären. Er ist gleichwohl ein weiterer Baustein der Rezeption.
"... Festzuhalten bleibt im Blick auf das »Kreuz mit dem Kreuz«: Jesu Tod war nicht von Gott gewollt, um irgendwelche göttlichen Rache- oder Genugtuungsgelüste befriedigen zu können, sondern war die unausweichliche Konsequenz eines Lebens, das nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt dermaßen provozierend und störend war, dass es vernichtet werden »musste«. Jesu totale »Hingabe an seine Freunde« und an alle jene, die ernsthaft nach neuen, lebenswerten Perspektiven für ihr »totes« Leben suchten, macht ihn sozusagen zum »Antlitz Gottes«. Deshalb ist der Kreuzestod Jesu nicht isoliert, sondern eng mit seinem Handeln und seinen Gleichnisreden zusammen zu sehen. ..." (Hartmut Meesmann)
Einige Sätze aus dem Klassiker "Anleitung zum Glaubensbekenntnis" des Münsteraner Pastoraltheologen Dieter Emeis können jedoch immer wieder eine gute konstruktive Schnittmenge bilden, die akzeptabel erscheint und der erasmischen Forderung nach der legitimen Elementarisierung von Theologie entsprechen dürfte:
"Ich glaube nicht an einen Gott, der uns mit Gewalt von seinem Leben überzeugen will. Ich glaube auch nicht an einen Gott, dessen Nähe ich immer wieder werde erfahren dürfen und von dem ich mich nie werde verlassen fühlen können. Wohl glaube ich an einen lebendigen Gott, der als Vater damals Jesus am Kreuz nicht verlassen hatte und der auch mich nie verlassen wird. Ich glaube an den Gott, der als Vater das Leid seines Sohnes sah und seine Klage hörte und der aller Menschen Leid sieht und aller Menschen Klage hört. Ich glaube an Gott, bei dem es im Ende der Zeit auf mich unausdenkbare Weise Gerechtigkeit gibt und Trost." (Dieter Emeis, Anleitung zum Glaubensbekenntnis, Freiburg 1986, S. 44)