Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Editorial Ostern 2008
Teste Deine Resilienz! Steh auf, bewege dich!
Im Wintersemester 1987/88 besuchte ich an der Uni Bamberg ein sogenanntes liturgiewissenschaftliches Oberseminar. An das Thema kann ich mich nicht mehr erinnern, jedoch hatte es etwas mit Musik zu tun. Wie könnte es auch anders sein. Gut in Erinnerung habe ich allerdings, dass an einem Abend Alois Albrecht anwesend war und von seiner Textdichterarbeit erzählte. Diese Begegnung hat mich ebenso nachhaltig beeindruckt wie der ordentliche Musikunterricht bei Ludger Edelkötter in Sexta, Quinta und Quarta. Zwar bin ich durch diese Erlebnisse nicht zum Verfechter des Neuen Geistlichen Liedes geworden, doch zeige ich mich zuweilen aufge-schlossen – mit aller kritischen und nötigen Distanz. Erst relativ spät habe ich in Erfahrung bringen können, dass dieses Genre heftige an Pawlow erinnernde Reflexe evoziert. Zurück zu Albrecht im Jahre 1987: Damals konnte ich noch nicht wissen, dass ich 20 Jahre später meinem Chor einen 4-stimmigen Satz zu seinem Liedtext „Manchmal feiern wir mitten im Tag“ und der dazugehörigen Melodie von Peter Janssens anempfehlen würde. Das war nicht nur eine Herausforderung hinsichtlich der Synkopen des Liedsatzes, nein, die Bedeutung der Textstelle „Stunden werden eingeschmolzen“ war ein wiederholter Fixpunkt der Hermeneutik. Wir haben uns darauf geeinigt, dass diese Worte polyvalent sind. Anders herum: Eine Leserin gab unlängst zum Besten, dass ihrer bitteren Erfahrung nach vor Ort in ihrer Gemeinde „eh nur alles krank abläuft“. Gewiss ist manchem kirchlichen und auch kirchenmusikalischen Betrieb eine christentümliche Verlogenheit nicht abzusprechen. Hin und wieder könnte man nahezu auf den Gedanken kommen, dass - wie jemand aus meinem Bekanntenkreis sagte - diesbezügliche Musik und Seelsorge einen spirituellen Waffenschein bräuchte. Wie dem auch sei, es wäre ratsam, sich nicht in jeden Abgrund zu stürzen, in den man hineinblickt. Man kann der Dame nur zurufen: Gehe dahin, wo du mehr Jesus von Nazareth vorfindest! Teste Deine Resilienz! Steh auf, bewege dich!
Das Leben hat die größere Kraft - Baum und Stein an der evangelisch-lutherischen Kirche zu Hille bei Minden
„Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.“ Das tröstet. Das heilt. Gott ist größer als alle Institutionen. Und manchmal hat er es gar nicht nötig, beim Namen genannt zu werden. Bedauerlich scheint der Umstand zu sein, dass die apologetischen und widersprüchlichen „Grab-ist-leer-Bilder“ zu sehr in Kopf und Herz Einzug hielten. Mir persönlich sagen die Begegnungsschilderungen mit dem auferweckten Jesus viel mehr. „Mitten im Tag“ steht plötzlich die Erfahrung, dass ein Schüler nicht wie alle anderen in der Klasse angesichts der letzten Stunde vor den Ferien „den Film gucken“ will, sondern darum bittet, seine Geschichte aus der vorherigen Stunde weiterschreiben zu dürfen. Nach heftigen Gewalterfahrungen im Elternhaus hatte er an anderem Ort viel Neues kennen lernen müssen. Seine Erzählung, die einen langen Traum schildert, endet mit dem wiederholten Satz: „Ich habe keine Angst mehr!“ Er ist aufgestanden und hat sich auf den Weg der Befreiung gemacht. Manchmal feiern wir mitten im Tag.
Einen ganz herzlichen Dank möchte ich denjenigen aussprechen, die dazu beigetragen haben, dass das Projekt "Orgeljournal" in den letzten Wochen enorm - mittlerweile sind es über 40 Seiten - wachsen konnte!
Insofern: Frohe Tage!
Matthias Paulus Kleine