Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche 

                                                                                                                    

                                                                                                               

Spannungsfeld: Resilienz und Auferweckung? Steh auf, bewege dich! Mitten im Tag ...    

Im Wintersemester 1987/88 besuchte ich an der Universität Bamberg ein sogenanntes liturgiewissenschaftliches Oberseminar. An das Thema kann ich mich nicht mehr ganz genau erinnern, es hatte jedoch einen sehr starken musikalischen Aspekt. Wie könnte es auch anders sein. Gut in Erinnerung habe ich allerdings, dass an einem Abend Alois Albrecht anwesend war und von seiner Textdichterarbeit erzählte. Diese Begegnung hat mich ebenso nachhaltig beeindruckt wie der reguläre schulische Musikunterricht bei Ludger Edelkötter in Sexta, Quinta und Quarta. Zwar bin ich durch diese Erlebnisse nicht zum unmittelbaren Verfechter des Neuen Geistlichen Liedes geworden, doch zeige ich mich zuweilen aufgeschlossen – mit aller kritischen Distanz. Erst relativ spät habe ich in Erfahrung bringen können, dass dieses Genre in vielen philiströs wirkenden Kirchenmusikerkreisen heftige und an Pawlow erinnernde Reflexe evoziert.                                                                                                                         Zurück zu Alois Albrecht: Damals konnte ich noch nicht wissen, dass ich 20 Jahre später meinem Chor einen 4-stimmigen Satz zu seinem Liedtext „Manchmal feiern wir mitten im Tag“ nach der Melodie von Peter Janssens anempfehlen würde. Das war nicht nur eine Herausforderung hinsichtlich der Synkopen des Liedsatzes, nein, die Bedeutung der Textstelle „Stunden werden eingeschmolzen“ war ein wiederholter Fixpunkt der Hermeneutik. Wie bitte? Gute Erfahrungen werden verdichtet und konserviert, damit ich in Zeiten des Mangels und der Sehnsucht davon zehren kann? Das würde durchaus in das Bild des sog. Zehrpfennigs passen. Wie auch immer: Wir haben uns darauf geeinigt, dass diese Worte polyvalent sind. 

Ein Perspektivwechsel: Eine Leserin dieses Online-Journals gab unlängst zum Besten, dass ihrer bitteren Erfahrung nach in ihrer Gemeinde „eh nur alles krank abläuft“. Gewiss ist manchem kirchlichen und zugleich kirchenmusikalischen Betrieb Verlogenheit nicht abzusprechen. Hin und wieder könnte man auf den Gedanken kommen, dass christentümliche Vorzeige-Musica-Sacra und auch ebensolche Seelsorge einen spirituellen Waffenschein bräuchte. Wie dem auch sei, es wäre ratsam, sich nicht in jeden Abgrund zu stürzen, in den man hineinblickt. Man kann der Dame nur zurufen: Es ist nicht überall Jesus drin, wo Jesus drauf steht! Gehe dahin, wo du mehr Jesus von Nazareth vorfindest! Spüre Wasseradern auf, die zur Quelle führen! Teste Deine Resilienz! Steh auf, bewege dich!      

Mitten im Tag ...

Manchmal feiern wir wirklich mitten im Tag - und bemerken es zunächst gar nicht. Die hier angesprochenen Erfahrungen können trösten und heilen:  

"Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung,
Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung,
Sätze werden aufgebrochen und ein Lied ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung,
Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.
Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung,
Sperren werden übersprungen und ein Geist ist da."  

Sicherlich ist es ratsam, sich selbst zunehmend für das zu sensibilisieren, was einem (täglich?) vor die Füße fällt, ohne es der vermeintlichen alleinigen Verantwortung eines anderen oder einer Großgruppe zu überantworten. Gott ist größer als alle Institutionen. Er braucht weniger Vermittlung als gemeinhin gedacht. Und manchmal hat er es gar nicht nötig, beim Namen genannt zu werden.

Bedauerlich scheint der Umstand zu sein, dass das Spannungsfeld "Ostern und Auferweckung" kirchlicherseits zu statisch transportiert wird; die apologetischen und zugleich widersprüchlichen „Das-Grab-ist-leer-Bilder“ hielten zu sehr in Kopf und Herz Einzug. Die Osterlieder vieler Diözesananhänge sprechen Bände und sprechen nicht ohne Grund kaum noch Suchende auf ihrem Glaubensweg an.

Das Leben hat die größere Kraft

Baum und Stein an der evangelisch-lutherischen Kirche zu Hille bei Minden

Mir persönlich sagen die dynamischen und anstiftenden Begegnungsschilderungen mit dem auferweckten Jesus viel mehr. Sie haben einen dichteren Bezug zum Alltag. Denn „Mitten im Tag“ steht dann vielleicht plötzlich die Erfahrung, dass ein Schüler nicht wie alle anderen in der Klasse angesichts der letzten Stunde vor den Ferien „den Film gucken“ will, sondern darum bittet, "seine Geschichte" aus der vorherigen Stunde weiterschreiben zu dürfen. Nach heftigen Gewalterfahrungen im Elternhaus hatte er an einem anderen besseren Ort viel Neues kennen lernen dürfen und müssen. Seine Erzählung, die einen langen Traum schildert, endet mit dem wiederholten Satz: „Ich habe keine Angst mehr!“ Er ist aufgestanden und hat sich nunmehr auf den Weg der Befreiung gemacht. 

Und hinter allen jenen und anderen Eindrücken steckt für mich die hoffende, flehende und zugleich vertrauende Gewissheit: Ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand! Ja, Karfreitag und Ostern gehören zusammen.  mehr      

Konkret: Vielleicht können diese Aspekte förderlich sein ...  

1. Setze Dich nicht freiwillig krankmachenden Situationen aus! Dein Herz hat in der Regel viel schneller und sicherer entschieden, als es der Verstand zugeben mag! Das schmälert zumindest das Volumen der Situationen, die Du leider nicht als Wahlfreiheit in der Hand hast. Dennoch: Haben die schwarzen Szenen nicht vielleicht doch etwas Helles am Ende oder etwas verborgenes Lichtes? Auch nicht im Nachhinein?    

2. Sensibilisiere Deine Wahrnehmung für Voraussetzungen eigener und fremder Erfahrungszusammenhänge, in denen Überwindungsvermögen generiert wurde - und das mitten im Tag! Selbst eine homöopathische Dosis an Erfahrung kann man zu erspüren lernen.

3. Nimm die nachhaltige Hilfe des kleinen und unscheinbar Prophetischen abseits jeglichen Zivilisationslärmes - mitten im Tag - wahr! Das Putzen des Wohnzimmers kann ebenso Kontemplation sein, wie das Gespräch mit einem Vertrauten und zugleich gänzlich situativ Distanzierten auf neu zu entdeckende (Frei-)Räume verweist. Das funktioniert mit und ohne Psalmwort. Manchmal reicht - à la Leonardo Boff - das Sakrament der Kaffeetasse. Angesagt ist existenzielle Erfahrung!

4. Übrigens war Johann Sebastian Bach ein leuchtendes Beispiel des traumatisierten und zugleich resilienten Vollwaisen, Witwers und trauernden Vaters, der dazu immer noch - mittlerweile über Jahrhunderte - anderen Traumatisierten Trost zu spenden vermag. Die Lektüre der diesbezüglichen Darstellung Luise Reddemanns in "Sinn und Sinnlichkeit bei J.S. Bach" kann nur wärmstens empfohlen werden.  (mpk)      

zum Interview mit Alois Albrecht - hier klicken!   

                                                                                                

                                                                                                                       

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