Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Editorial Pfingsten 2008
Wie wäre es, allen, die mit Jesus nichts am Hut haben, diese freien Tage zu streichen?
Wenn ich heute jemandem "Frohe Pfingsten!" wünsche, kann ich größtenteils einen Blick beobachten, der eine verlangsamte Reaktion verrät. Schreck! Dann: "Danke gleichfalls!" Die gedankliche Schritttempo-Zone dürfte eine Auseinandersetzung mit Ungewöhnlichem verraten. Das Hirn muss vom Arbeitsspeicher zur Festplatte, was in der Regel Zeit kostet. Wie war das noch? Pfingsten? Ach, ja: Kirche - Jesus - "Da hab' ich frei".
"Den Pfingstmontag wollte die FDP 2005 abschaffen. Alle anderen Parteien waren dagegen. Der Pfingstmontag blieb gesetzlicher Feiertag. In Frankreich war der Pfingstmontag 2005 tatsächlich abgeschafft worden. Doch nachdem 2005 und in den Folgejahren 52 Prozent der Erwerbstätigen Pfingstmontag zu Hause und die meisten Schulen und öffentlichen Dienststellen geschlossen blieben, will die Regierung dieses Jahr den Pfingstmontag wieder als arbeitsfreien Feiertag in Kraft setzen. Die Abschaffung des Pfingstmontags ist an der Bevölkerung gescheitert. Der Streit um die Zweitfeiertage (Oster- und Pfingstmontag sowie Zweiter Weihnachtsfeiertag) zeigt: Die christliche Feiertagskultur ist in den europäischen Ländern tief verankert, viel tiefer, als das Bewusstsein der meisten vermutlich reicht, was deren christliche Begründung anbelangt. Und der Widerstand gegen die Feiertagsabschaffung, die beim Buß- und Bettag mal sehr erfolgreich war, ist stärker geworden. Die Durchökonomisierung der Gesellschaft und die Vorherrschaft der Wirtschaft wird nicht mehr akzeptiert. Denn die Leistungsversprechen der neoliberalen Doktrin verfangen nicht mehr: wenn alle mehr arbeiten, geht es allen besser. Wahr ist: wenn alle mehr arbeiten, geht es einigen besser, etlichen aber auch schlechter. Denn etliche arbeiten und es reicht doch nicht zum Leben. Feiertage sind wichtige Unterbrecher. Sie halten die Arbeitsmühle an. Schaffen Zeit zum Luftholen, für die Besinnung, für spirituelle Ereignisse. Wer nur noch Arbeit kennt, kennt bald niemand mehr, nicht einmal sich selbst. Christliche Feiertage sind anti-neoliberal. Sie verkünden: Der Mensch ist nicht für die Arbeit da, sondern die Arbeit für die Menschen." (aus: Publik-Forum - Newsletter 2/2008 vom 05.05.2008)
Ich finde, dass der Inhalt dieses Zitates einfach super ist. Wie wäre es aber, allen, die mit Jesus nichts am Hut haben, diese freien Tage zu streichen? Nein, im Ernst, sie hätten eine große Chance weniger zur Verfügung, ihre Seele unter Gottes Sonne ausbreiten zu können. Auch die Glaubenswächter können getröstet sein: Vielleicht sind diejenigen am Rande oder gar außerhalb der Glaubenswelt mehr drinnen, als wir vermuten. Da hatte Augustinus wohl Recht. Und da würde er auch sicherlich - heute in der Form "B XVI" - großzügig sein wollen.
Hier besteht die Möglichkeit, sich zu sonnen!
In diesem Sinne: Frohe Pfingsten!
Matthias Paulus Kleine