Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

  

 

Editorial Weihnachten 2008  

Das Heil im Gestern 

Das nachfolgende Zitat stammt von Eduard Nagel, der im Editorial Auf zwei Minuten der renommierten Zeitschrift Gottesdienst (Liturgisches Institut Trier) immer wieder mit wahrlich bedenkenswerten Impulsen bereichert. Nichts hat mich in den letzten Tagen so nachdenklich gestimmt wie diese Zeilen:

„... Wenn es wahr ist, dass Außenstehende die Kirche vor allem in ihrer Liturgie wahrnehmen, was bedeutet es dann weiter, wenn vielerorts das mehrstimmige Kirchenmusikrepertoire an hohen Feiertagen noch nicht die Schwelle zum 20. Jahrhundert erreicht hat? Ein unbefangener Beobachter mag daraus schließen, dass es eben seither kaum mehr entsprechend hochwertige Kompositionen für die Liturgie gegeben hat. Und was zeigt sich, wenn bei solchen Gelegenheiten aus Sakristeischränken barocke „Bassgeigen“ oder ihnen nachempfundene Stücke aus der Zeit nach 1900 ausgegraben werden? Wohl nichts anderes, als dass seither Entstandenes von geringerer Qualität ist. So signalisiert die Kirche akustisch und visuell, wo sie ihr Heil sucht: im Gestern. ...“                                                       
Dass in dieser Analyse sehr viel Wahres steckt, dürfte vielen bewusst sein. Theologisch traditionalistisch anmutende  Reflexe bestätigen die offene Wunde. Jedoch handelt es sich hier musikalischerseits nicht um Alternativen wie konservativ oder liberal. Denkt um! (Mk 1,15)      

    Zur genaueren Betrachtung das Fenster bitte anklicken!                                                                   (Familie Monika und Dr. Bernward Kühnapfel sei hiermit ein herzlicher Dank ausgesprochen!)  

Es geht vielmehr um Wagemut, Offenheit und Experiment. Christentum findet im Jetzt eingedenk bereits gemachter - historischer - Erfahrungen statt. Musica Sacra ebenso. Das ausschließliche Suchen des Heils im Gestern unter Zuhilfenahme kleinbürgerlicher und/oder vermeintlich Hochkultur repräsentierender Codes zeigen die Abgründe einer bereits seit Jahrzehnten dräuenden Nachlassverwaltung auf. Vielleicht vergegenwärtigt sich auch mitunter die Feigheit oder zumindest die Resignation mancher Musica Sacra, hoffentlich nicht gar die Seelenlosigkeit! Die Faszination am Phänomen Messiaen weist auf diverse Sehnsüchte nach Neuem hin - häufig in sich elitär geben wollender Form.

Die Bandbreite neuer Formen und Inhalte wäre indes groß: Von Ralf Grössler mit symphonischen Gospeloratorien wie "Prince of Peace" über John Rutter (hier mittels der Limburger Domsingknaben) bis zu Friedbert Wissmann & Andreas Böttcher ist jede Menge an Gestaltung möglich, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Aber eines ist vonnöten: Der Geist muss Tat werden (Albert Schweitzer).

Mittendrin sitzen vielleicht die Musikschüler, die eine industrie-devote Politik an das Gymnasium der G8-Mikrowelle ausgeliefert hat und des Nachmittags noch einige Minuten erübrigen können. So ist es denn eine berechtigte Frage, ob die musikalische Sprache verlorener oder nie erreichter Milieus außerhalb des sogenannten Bildungsbürgertums hier gesprochen werden kann. Gewiss, liturgische Musik sollte den Alltag und somit auch dessen Musik überhöhen und in würdige Formen gießen. Nur darf sie ihn nicht vergessen. Und dieses Vergessen scheint die Crux zu sein.                                                                                                                
MP3: Sussex Carol (Peter Crisafulli)

In diesem Sinne:

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes Jahr 2009! 

Matthias Paulus Kleine 
                                                                                                               

                                                                                                                                                                                                                                                              

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