Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Kirchenmusiker und/oder "Das Heil im Gestern"
Gedanken zur traditionalistischen Verlegenheit kirchlicher Berufsmusiker
Das folgende Zitat stammt von Eduard Nagel, der im Editorial Auf zwei Minuten der renommierten Zeitschrift Gottesdienst (Liturgisches Institut Trier) die Leserschaft immer wieder mit wahrlich bemerkenswerten Impulsen bereichert:
"... Wenn es wahr ist, dass Außenstehende die Kirche vor allem in ihrer Liturgie wahrnehmen, was bedeutet es dann weiter, wenn vielerorts das mehrstimmige Kirchenmusikrepertoire an hohen Feiertagen noch nicht die Schwelle zum 20. Jahrhundert erreicht hat? Ein unbefangener Beobachter mag daraus schließen, dass es eben seither kaum mehr entsprechend hochwertige Kompositionen für die Liturgie gegeben hat. Und was zeigt sich, wenn bei solchen Gelegenheiten aus Sakristeischränken barocke „Bassgeigen“ oder ihnen nachempfundene Stücke aus der Zeit nach 1900 ausgegraben werden? Wohl nichts anderes, als dass seither Entstandenes von geringerer Qualität ist. So signalisiert die Kirche akustisch und visuell, wo sie ihr Heil sucht: im Gestern. ..."
Dass in dieser Analyse sehr viel Wahres steckt, dürfte vielen bewusst sein. Die hier und dort traditionalistisch anmutenden Reflexe von vor allem jüngeren kirchlichen Amtsträgern können die offene Wunde angesichts vieler kirchlicher Erfordernisse bestätigen. Jedoch handelt es sich hier - wie auch musikalischerseits - nicht nur um plattitüdenhafte Alternativen wie konservativ oder liberal. Der zu gewinnende Mehrwert oder zu erzielende Fortschritt liegt auf einer ganz anderen qualitativen Wahrnehmungsstufe.
Denkt um! (Mk 1,15) ...
Es geht um Wagemut, Offenheit, Befreiung und Experiment. Christentum findet im Jetzt - eingedenk bereits gemachter und kommunizierter - Erfahrungen statt. Musica Sacra ebenso. Das Suchen des Heils im Gestern unter Zuhilfenahme kleinbürgerlicher oder vermeintlich Hochkultur repräsentierender Sozial-Codes zeigt die Abgründe einer bereits seit Jahrzehnten dräuenden Nachlassverwaltung und der Sehnsucht auf, doch sicheren Boden unter den Füßen haben zu wollen. Die Faszination am Phänomen Messiaen beispielsweise weist gleichwohl auf diverse Sehnsüchte nach Neuem hin; leider häufig in der sich elitär gebenden Form eines tonartlichen Gefängnisses.
Zur genaueren Betrachtung das Fenster bitte anklicken! Familie Monika und Dr. Bernward Kühnapfel sei hiermit ein herzlicher Dank ausgesprochen!
Die Bandbreite neuer Formen und Inhalte wäre indes groß: Von Ralf Grössler mit symphonischen Gospeloratorien wie "Prince of Peace" über John Rutter (hier mittels der Limburger Domsingknaben) bis zu Friedbert Wissmann & Andreas Böttcher oder Dieter Falk ist jede Menge an Gestaltung möglich, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen.
... und das in der Quasi-Abitur-Kirche der BRD!
Mittendrin sitzen die Musikschüler, die eine industrie-devote Politik an das Gymnasium des mitunter kindverachtenden G8-Turbo-Abiturs ausgeliefert hat und des Nachmittags noch einige wenige Minuten für Chor und Instrument erübrigen können. Wenn überhaupt. So ist es denn eine berechtigte Frage, ob denn in zehn Jahren die musikalische Sprache verlorener oder auch nie wirklich erreichter Milieus liturgisch überhaupt noch zur Aufführung kommen kann. Aber das nur nebenbei.
Jedoch wäre damit ausgesprochen, was ohnehin jeder Miteingebundene fühlt: Kirchliches Milieu spielt sich sozialpsychologisch insbesondere in den Funktionskreisen von Großgemeinden de facto nur in Schichten ab, in denen das Abitur ohne jeglichen Zweifel als bildungsbürgerliches und zugleich arg ausgrenzendes Fundamentum angestrebt wird. Die Mittlere Reife kann man häufig tolerieren: Schließlich hatte ja N.N. eine schwere Kindheit. Ganz andere Fälle werden geflissentlich an Diakonie oder Caritas delegiert, da der wahre Alltag jedoch mehr als ein Mono-Milieu bereithält. Und Jesus von Nazareth, der letztlich einen Wortschatz unterhalb der Bildzeitung besaß, wusste vom Kulturbewusstsein und der Menschenkenntnis seines Gottes sehr viel zu erzählen - und das ohne höheren Bildungsabschluss.
Zurück zur Musica Sacra: Was wäre denn eigentlich an einem Lobpreis-Gassenhauer samt Gitarre oder Keyboard verwerflich, wenn er denn die Seele vieler erquickte? Was hätte genannter Jesus als Freund der Fresser und Säufer (Mt 11,19) empfunden, wenn er vom Heute geprägt worden wäre und sowohl Parallelen als auch Harmoniewechsel von V zu IV zu hören bekäme?
Zur genaueren Betrachtung die Illustration bitte anklicken! Ein herzlicher Dank an Dorit Stratemann!
Werden Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker ihrem missionarischen Auftrag gerecht?
Zumindest oft zu wenig und mancherorts gar nicht. Und damit wären wir wieder bei der letztlich aufdringlichen Ausgangsproblematik: Mit wem und für wen sollte Musica Sacra aufgeführt werden? Die Beantwortung liegt eigentlich nahe. Liturgische Musik muss den Alltag von Du und Ich als subjektiven Erfahrungshorizont akzeptieren (das heißt hier konkret: von WDR 2 bis YouTube), dessen Erleben in Bezug zu Gott stellen und in kommunizierbar würdige Formen gießen. Wenn Musica Sacra jedoch den alltäglichen Erfahrungsraum vergessen möchte, wird sie vergessen werden. Dieser Umstand bedarf keiner weiteren Empirie. Der Nachweis wurde bereits durch gesellschaftliche Randexistenz und sich leerende Kukident-Gottesdienste längst erbracht.
Durchaus restbeständliche Milieus von allenfalls 150 getreuen Mitstreitern aus dem ergrauten Bereich Ü-50 (nota bene: in XXL-Gemeinden!) zeigen auf, dass Kirchenmusiker nicht nur ihrem liturgischen, sondern auch katechetischen und somit missionarischen Auftrag wenig gerecht werden, wenn lediglich eine Mono-Zielgruppe bedient wird.
Parakatechetisches Kultur-Konzept: "Musik - Sie ist die größte katholische Kultursparte. In 18.860 katholischen Chören und Musikensembles haben sich 424.707 Laienmusiker und -musikerinnen zusammengeschlossen. Signifikant ist der hohe Zuwachs bei Kinder- und Jugendchören. Das ist eine wesentliche und zukunftsweisende Differenz zu den von Staat und Kommunen geförderten Kultureinrichtungen, die ihrerseits ein Nachwuchsproblem haben. Der Allgemeine Cäcilienverband (ACV), in dem die meisten katholischen Chöre organisiert sind, betreibt seit einiger Zeit ein Projekt „Singen mit Kindern“, das zu einem ganzheitlichen, pastoral ausgerichteten Vorgehen anleitet. Denn das kirchliche Laienmusizieren ist oft das einzige Scharnier zu der wachsenden Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die religiös nicht mehr sozialisiert sind. (Sic!, Anm. d. Red.) Die katholischen Chöre sind einerseits als Freizeitangebot auch für kirchlich weniger Geprägte attraktiv, wirken aber zugleich regelmäßig an der Gestaltung der Liturgie mit. Dass dieses „parakatechetische“ Kultur-Konzept voll aufgeht, beweist der derzeitige Höchststand von 5.000 Kinder- und Jugendchören mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Mittlerweile sind immer mehr Chorleiter ehren- und nebenamtlich tätig und bedürfen gerade für die anspruchsvolle Kombination von Musik und Pastoral dringend einer hauptamtlich gestützten Aus- und Weiterbildung. Aufgrund der in vielen Bistümern anstehenden Kürzungen bei hauptamtlichen Kirchenmusiker Stellen ist aber genau dieses Konzept immer schwerer realisierbar." (zitiert nach der ursprünglichen und nunmehr überarbeiteten Textfassung der DBK-Website) mehr "Findet das Zwillingspaar Kirchenmusik-Katechese eine Entsprechung in der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Kompetenzen und in der Realität des Gemeindelebens, insbesondere der Vorbereitung und Feier von Gottesdiensten? ... Wir Bischöfe sehen im Singen mit Kindern Ressourcen und Chancen für die Glaubensbildung der Kinder und für die kirchliche Zukunft. Eine noch intensivere Berücksichtigung der Musik innerhalb der pastoralen, religionspädagogischen und kate-chetischen Diözesanplanungen könnte diese Intention zusätzlich stärken." Die deutschen Bischöfe - Liturgiekommission - Nr. 31 - Kinder singen ihren Glauben - 27. April 2010 „Kirchenmusik ist eine Querschnittsdisziplin … Sie ist Verkündigung und Gebet, Ausdruck individueller Frömmigkeit und gemeinsam gestalteter Religiosität. Sie hat eine seelsorgerliche, diakonische und missionarische Dimension. Sie kann für sich beanspruchen, im Medium der Musik Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu sein. Kirchenmusik hat darüber hinaus große Anteile am katechetischen Wirken der Kirche. Sie erfüllt mit anderen Disziplinen zusammen den Bildungsauftrag unserer Kirche und ist Kulturarbeit im weitesten Sinne. Nicht zuletzt ist Kirchenmusik auch Öffentlichkeitsarbeit in ihrem Wirken weit über die binnenkirchlichen Grenzen hinweg in die Gesellschaft hinein.“ |
Fast mag man den allermeisten Musikern keinen Vorwurf machen, da sie hinsichtlich Prägung und Ausbildung nie etwas anderes kennenlernen konnten und durften. Was aber ist mit denjenigen, die ihr musikalisches Heimatmuseum von Frescobaldi bis Widor inkl. stereotyper Stilimprovisationen als fast militantes Panier ungeachtet aller Alternativen vorantragen und über Jahrzehnte der Gemeinde eine historistische und steckenpferdgerittene Einseitigkeit unter dem schutzbehauptenden Diktum von Kultur servieren?
Das Vergessen der Alternativen scheint insgesamt betrachtet die Crux des vielerorts im Gestern gesuchten Heils der Musica Sacra zu sein. Historistisches Spectaculum per Musica als Monokultur mitsamt einer Tyrannei der Orgel nebst liturgisch anachronistischer Chorarbeit à la "Wir singen nur Messen": Nein danke, denn nicht nur die Instruktion Musicam sacram von 1967 lässt in diesem Zusammenhang von Ferne grüßen! (mpk)
