Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                 

                                                                                                                                     

Ein besonderer Einsatz der Software Hauptwerk:         Hausorgel-Experiment mit Zimmer-Akustik                                                                                                                                 
Eines sei im Vorfeld deutlich gesagt: Viele Fachleute hatten mir von dem Vorhaben intensiv abgeraten, innerhalb meiner vier Wände eine Hausorgel via Hauptwerk spielen zu wollen. Nicht, weil Hauptwerk nicht dazu in der Lage wäre, nein, weil es einfach nicht klingen könne. Mein Beharrungsvermögen blieb jedoch unverändert, selbst nachdem ich das von mir favourisierte sog. trockene Sampleset an anderer Stelle testen durfte und es mir dort - ungeachtet der hochwertigen Monitore - überhaupt nicht zugesagt hatte. Die im Netz vorhandenen Demos überzeugten mich jedoch umso mehr. 
Und so blieb es dabei: Es sollte eine virtuelle Haus-Pfeifenorgel werden. Schließlich wäre die Aufstellung einer realen Haus-Pfeifenorgel theoretisch im Obergeschoss möglich, jedoch nicht mit den Mitbewohnern kommunizierbar gewesen.                                    
Folgende Fragestellung sehe ich grundsätzlich: Warum sollte man einen hervorragenden Softwaresampler nicht grundsätzlicher in die andere Hälfte der Realität einbinden, sozusagen noch realistischer fundamentieren? Ganz entschieden sollte ein anderer Raum nicht reproduziert werden. 

Ein Organist im engl.-sprachigen Hauptwerk-Forum brachte meine gewonnenen Erfahrungswerte folgendermaßen auf den Punkt, indem er das Spiel mit der sog. nassen und trockenen Version eines anderen Orgelsets verglich:

"When playing the old wet version, it was if you were playing an organ far-away, but playing ... (the dry version) is like playing an organ you are sitting at." 

Dass die akustischen Verhältnisse in einem Obergeschoss bzw. in einem kleineren Arbeitszimmer keine kathedralesken sind, dürfte sich von selbst verstehen. Ziel war es, eine Übungsgelegenheit zu erlangen, die ungeachtet der quasi elektrischen Traktur alle in diesem Rahmen möglichen Feinheiten deutlichst beobachten lässt.

Eine gewisse Bestätigung meines Ansinnens erfuhr ich, als ich in einem Orgelforum von der realen Hausorgel Maurice Duruflés las. In einem recht kleinen Raum gönnte sich Duruflé gemeinsam mit seiner Frau eine äußerst üppige Hausorgel mit elektrischer Traktur. 


"... Für mich ist es klanglich eine der schönsten Hausorgeln, die ich kenne. Sie schreit nicht, sie brüllt nicht und sie kreischt nicht! Es ist alles wohl aufeinander abgestimmt. Die Orgel klingt wie eine große Kirchenorgel im "Kleinen"! Die Schwebung mit 32' und 16' im Pedal klingt himmlisch schön! ..."         

                                              

  Bericht über die Hausorgel der Eheleute Duruflé                                                                                                        

Ohne Zitierautoritäten übermäßig zu benötigen oder gar im Ernst mein Ergebnis mit der Hausorgel Duruflés vergleichen zu wollen: Konnte mein Vorhaben, eine virtuelle Hausorgel bei höchster digitaler Klangqualität auf 24-Bit-Niveau spielen zu wollen, angesichts dieses gar nicht mal so sehr singulären Vorbildes eine akustische Verirrung sein? Wer das Programm Hauptwerk kennt oder zumindest einmal in Demos wahrgenommen hat, weiß wohl, dass es zu einer erstaunlich suggestiven Klangrealität im Stande ist.

Das empirische Ergebnis war höchst erfreulich. Wer es nicht glauben mag, dem seien die folgenden Audio-Dateien mediokren Spielstandards anempfohlen. Diese wurde mit einem Edirol-Recorder R-09 ursprünglich im 320er-MP3-Format mit den zwei eingebauten Mikrofonen aufgenommen. Die Bassfrequenzen werden in einer (älteren) Aufnahme etwas überproportional wiedergegeben.       

  Demos des Hausorgel-Experimentes (siehe unter Nr. 5) 

 weitere Demos in Vorbereitung 

  Aktuell   Dry-Sets für die Hausorgel-Verwendung:     

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Feedback zum Experiment

Ein Toningenieur schrieb: "Es ist sehr begrüßenswert, dass Sie sich des Themas "Hausorgel" annehmen. Was Sie als Erstes zur Diskussion stellen, nämlich wie soll sie sich daheim dem Spieler akustisch öffnen, wird sehr unterschiedliche Vorstellungen zu Tage fördern. Ich selbst bin dabei voll Ihrer Meinung mit einer kleinen Korrektur. Sie hören daheim mit je zwei Boxen vorn und hinten ab (wahrscheinlich auf Ständern erhöht positioniert), deren 3 Syteme übereinander in D'Appolito - Anordnung eingebaut sind. Eine solche Bauweise wählt man immer dann, wenn in der Vertikalen wenig Schallanteile erwünscht sind. Daraus resultiert, dass bei "trockenen" Samplesets die Wiedergabe "stumpf" wirkt. Die Raumdecke wird als Reflektor weniger genutzt. Anders liegen die Verhältnisse bei den pfeifenkonformen Rundum-strahlern. Sie regen den Raum zu Vielfachreflexionen in alle Richtungen an und führen zu einem angenehmeren und sanfteren Abklingen des Schallereignisses. Was kann man tun, ohne den Geldbeutel zu strapazieren? Ich meine das leichte "Anfeuchten" wird helfen. Aber wirklich nur sehr wenig! Die Klarheit und Durchsichtigkeit bleibt erhalten, aber die "Hörsamkeit" wird besser. Man sollte immer bedenken, dass ein Grossinstrument (auch eine Hausorgel ist ein solches) in einer - akustisch gesehen - Druckkammer gespielt wird!"

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Ein Kantor schrieb:

"Ein HW-Prinzipal 8 für eine große Kirche hat nun mal eine andere Intonation und eine größere Mensur als einer für ein Übungsstudio. Man kann in Hauptwerk, zumindest in der "großen" Version die Register ja sehr individuell anpassen. Damit bekommt man doch Etliches "hingebogen", wenngleich diese Intonationsmöglichkeiten bekanntlich nicht denen des Pfeifenorgelbaus entsprechen. (Auch wenn man Quark lange schlägt, wird's immer noch keine Schlagsahne.) Gerade deshalb würde mir auch noch ein Sample-Set einer echten Hausorgel wünschen." 

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Ein Organist schrieb:

"Was ich bislang so an Meinungen hörte (und bislang teilte ich diese), ging dahin, daß das Üben in möglichst trockener Akustik dem genauen Spiel sehr förderlich sei. Einerseits sehe ich das immernoch so. Andererseits finde ich, daß man die Wirkung der trockenen Akustik auf die eigene Interpretation nicht unterschätzen sollte (eigene Erfahrung). Es ist keine triviale Aufgabe, das Spiel nachher einer großen Akustik anzupassen. Wenn etwas in trockener Akustik klar und verständlich rüberkommt, so ist das in einer großen Kathedrale natürlich längst nicht der Fall und viele Feinheiten und interpretatorische Gestaltungsideen, die man zu Hause gefunden hat, müssen völlig neu überdacht oder gar verworfen werden, weil sie einfach bei großem Nachhall nicht realisierbar sind. Man muß ja oft vielen Dingen in der Musik dann mehr Zeit geben, und gewöhnt sich auch ruhigeres Spiel an, während man bei wenig Nachhall viel öfter das Bedürfnis hat, „dran bleiben“ zu müssen, um den Spannungsbogen zu halten."

                                                                                                                                            
Was fasziniert an einem trockenen
Hausorgelklang via Hauptwerk? 

Man kann da viel phantasieren und hineininterpretieren. Vielleicht ist der antreibende Faktor aber sogar ein deutlich gewachsener Abstand zu einem nimmersatten Hauptwerk-ADHS, mit dem man sich nie so wirklich auf eine Sache mit längerer Ausdauer einlässt und von einem gekauften Sampleset zum anderen baldigst erscheinenden - hoffentlich goldenen Sampleset! - hinterherhechelt, um es nach einer Zeit doch wieder ebenso wie die Kontoauszüge nur ad acta zu legen? Oder ist es gar die rational gewonnene Einsicht, dass so manches, was sich auf diesem kleinen Markt der orgelartigen Medien als über die Maßen "authentisch" anpreist, doch sehr persönlich gefärbter Natur ist? Gleichwohl ist es völlig evident, dass virtuelle Hausorgeln in dem auf dieser Seite beschriebenen Sinne im Userkreis wenig Verbreitung finden können, da in der Regel andere Sehnsüchte durch die kommerzielle Software befriedigt werden: Viele Register, möglichst laut und langer Nachhall werden hauptsächlich gewünscht. Alice Miller und "Das Drama des begabten Kindes" lassen von Ferne grüßen: Der durchschnittliche Hauptwerker wünscht sich eher das Ausleben der eigenen grandiosen Anteile, um hier nur einmal ein klein wenig zu psychologisieren. Diesbezügliche Hauptwerk-Forendiskussionen sind sehr beredt: Endlich darf ich einmal an einer wirklich großen Orgel sitzen!   

Wie dem auch sei, derlei Spekulationen würden die Faszination am intimen Hausorgelklang lediglich über die kommerziellen Schattenseiten der Software definieren: Das Programm Hauptwerk ermöglicht indes mittels der Hausorgel-Heransgehensweise eine dem Vorbild der realen Pfeifenorgel erstaunlich dicht verpflichtete Nutzung. Der eigentliche Unterschied zu "normalen Hauptwerksets" besteht im Kopfkino: Eine wirkliche Hausorgel moderaten Ausmaßes hält man realistischerweise für möglicher als den Orgelklang einer großen Kirche im eigenen Heim! Dieses dürfte psychoakustisch ein bedeutender Unterschied sein. Der dynamische Zuwachs einer Hausorgel lässt sich digital und elektroakustisch vom pp zum ff schlicht und ergreifend glaubhafter darstellen.

Diese Experimentseiten stellen gewiss einen Impuls für die Hauptwerk-Nutzung in kirchlichen Räumen dar. Dass dort zunehmend Bedarf besteht, zeigt sich beispielsweise an der neuen Ecclesia-Reihe des niederländischen Digitalorgel-Herstellers Johannus. Machen wir uns und den echten Orgelbauern nichts vor: Der  Bedarf von christlichen Gemeinden wird angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Einnahmen rapide steigen. Reizvoll scheint die Möglichkeit zu sein, bei unverschlüsselten Dry-Sets (ja, so etwas soll es noch im Hauptwerksektor geben!) Organ definition files zu entwickeln und sich so eine individuelle Lösung zu schaffen, die erstens einer wenn überhaupt vergleichbaren Digitalorgel preislich und zweitens vor allem aber klanglich um Lichtjahre überlegen ist. Da das Vorbild immer die reale Pfeifenorgel bleibt, wäre es für die Kirchengemeinden fatal, den Klang- und Preisvorteil von Hauptwerk nicht zu nutzen, zumal es ein erheblicher Vorteil des Hauptwerksystems darstellt, kostengünstig Upgrades durchführen zu können. Freilich ist festzustellen, dass auf dem Hauptwerksektor noch relativ wenige Erfahrungen mit derlei Installationen vorzuweisen sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. Insgesamt dürfte dieses Set - ungeachtet einer Betonung der Aliquoten - auch für die Aufstellung in Kapellen etc. oder als Continuo-Instrument mehr als geeignet sein.      

Die neue Klangbibliothek von Sonusparadisi.cz - es handelt sich um ein Abbild der 1793 von Antonin Reis in Rabštejn nad Střelou erbauten Orgel - konnte hier mit ihrer Dry-Variante überzeugen, zumal sie in ihrer Disposition dem Hausorgeltypus mit Ausnahme der sehr dominanten Mixtur doch recht nahe kommt (z.B. Prinzipalchor auf 4'-Basis). Wenn es den von Hauptwerk & Co. behaupteten und organologisch belastbaren Dokumentationscharakter von HW-Sets gibt, dann allerdings nur mittels der "sehr trockenen" Aufnahmen in unmittelbarer Nähe der Pfeifen. Vorweg sei auch die Überraschung ob der Tatsache erwähnt, dass Dr. Jiri Zurek die Mixtur offensichtlich in 4 Varianten gesamplet hat (komplett und zu jeweils 3, 5 oder 7 Ranks). Die Dry-Samples sind Zurek um Längen besser gelungen als in dem älteren sog. Litomysl-Set. So konnten die Aufnahmen deutlich besser enträumlicht werden und klingen gleichzeitig sehr vital, einfach echter.   

Die derzeitige Disposition der hier besprochenen virtuellen Hausorgel sieht folgendermaßen aus:  

Hauptwerk    Rückpositiv       Pedal                                                                          
Flöte 8'           Copula major 8'   Subbass 16'
Salicional 8'      Copula minor 4'   Bassflöte 8'
Principal 4'       Principal 2'         Choralbass 4'
Quint 2 2/3'     Octav 1'            
Koppeln :
Octav 2'          Nasard 2 2/3'      HW - Ped
Flute 4'           Quint 1 1/3'        RP - Ped  
Quint 1 1/3'    Terz 1 3/5'          RP - HW
            
(kursiv = virtuell erweitert)                                   

Kürzlich bestätigte mir eine Kirchenmusikerin, die zu Besuch war, dass dieser virtuelle Hausorgelklang doch sehr zum Üben und "Abhören" einlade: warm und zugleich deutlich zeichnend sei das Produzierte. Ich erzählte ihr von dem Vorhaben, diese Hausorgel mit mehreren Registern eines anderen Dry-Sets ergänzen zu wollen. So sollte beispielsweise ein Holzkrummhorn 8', ein Gemhorn 8' (aus dem sog. Litomyslset) und auch ein drittes Manual (sog. Prib-Positiv) Verwendung finden. Ihr Urteil hieß: Lasse es lieber so, wie es ist. Mache da gar nicht viel dran. Höchstens das Holzkrummhorn! Da das unterste Manual als Koppelmanual genutzt wird, wäre es sachdienlich, das Holzkrummhorn einem virtuellen vierten Manual zuzuordnen, um es von jedem Werk abrufen zu können. Dem Pedalklang dürfte es ein für eine Hausorgel mit 4'-Prinzipalchor angemessenes und zugleich sehr zeichnendes Fundament geben. Die überblasende Flöte 8' ist ebenso charmant und charaktervoll wie das fauchig-spröde Salicional. Weniger kann allerdings die virtuell ergänzte Flue 4' überzeugen. Eine quasi in einer Wechselschleife für das Hauptwerk eingerichtete Copula minor 4' könnte in einer neuen Organ-defintion-Datei Linderung verschaffen.                  

Der musikalische Spaß "George Frederic Handel's Christmas pudding" soll von der Spielfreude mitteilen, die durch diese neue Klangbibliothek ermöglicht wurde. Gerne mag zugestanden sein, dass er mittels der MP3 "spitzer" herüberkommt als vor Ort. Aber es ist das, was man sich als Organist für das eigene Heim eigentlich - außer einem Pedal-Flügel/Cembalo - vorstellen mag! Ein Blindtest für Ungläubige wäre angebracht. Dass die mehr als trockene Akustik zunächst verwundert und auch irritiert, ist selbstredend. Sie legt jede Spielschwäche - so auch in der folgenden Aufnahme - gnadenlos auf den Seziertisch. Die einbettende Aufstellung der Abstrahlung leistet hier gute Dienste und suggeriert keine Fassade, sondern ein Feld, in dem man sich aufhält. Gleichzeitig war - zu Kontrollzwecken - festzustellen, dass der Kopfhörerbetrieb in puncto Überzeugungskraft gänzlich ausscheidet. Die Mono-Samples mit C- und Cis-Teilung wirken mittels "Ohrensauna" insbesondere in der quasi raumlosen Abklangphase peinlich berührend synthetisch. Umso mehr konnten die 4 Lautsprecher überzeugen: Für den Hausorgelklang wurde den rückwärtigen Monitoren etwas mehr Dominanz eingeräumt.                                                                                            

                                                                                                                                                                                                                                                              

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