Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche                        

                                                                                                                                          

    

                                      

 

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Die Computer-Orgelsimulation     "Hauptwerk" im Spannungsfeld von Projektion und Profit        
                                                                           Eine Hauptwerk-Orgel braucht man im Himmel nicht und in der Hölle spielt ohnehin niemand 

Subjektive Betrachtungen zu einer anglo-amerikanischen Software im Nischenmarkt der sogenannten Orgelliebhaber unter besonderer Berücksichtigung musiksoziologischer Aspekte 

1.  Hic Rhodus, hic salta …
2.  Szenenwechsel: Abmahnung durch OrganArt Media als Eigentor?
3.  Was wäre Hauptwerk ohne instrumentalisierte Enthusiasten?
4.  Jetzt einmal grundsätzlich: Gibt es eine Hauptwerk-Mentalität?
5.  Als Hauptwerk einst verkauft wurde ...   

Teil 2 des Hauptwerk-Textes    

6.  Der Klick-Faktor: Die Hauptwerk-Denunziation und die ...
7.  Geschlossene Hauptwerk-Gesellschaft?                                                             
8.   Ideologisches Identifikationsterrain mit religiös-mystischen Topoi?                      9.   Religionsphänomenologisches und Salutogenese                                               10. Sancta Simplicitas & Co.        

Teil 3 des Hauptwerk-Textes                                                                                                                                   11. Drei Thesen zur Frage: „Akustischer Photoshop“ als völlig falsches Medium?     12. Die Dilemmata der ausgeliehenen Klänge und die Illusion gestrenger Lizenzen   13. Hauptwerk-AGB-Satire à la „Und das war's dann halt“?                                        14. Zurück zur OrganArt Media-Abmahnung: Sturm im Wasserglas?     

"Die "virtuelle Orgel" ist ein Werbeslogan ohne physische Entsprechung, ... um das Idealbild einer Orgel (im Sinne Platons), das Menschen in sich tragen, zu evozieren."                                                                                                                 Peter Donhauser/Technisches Museum Wien - zitiert nach einem Bericht zur Tagung der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands (VOD) 2013

1. Hic Rhodus, hic salta … 

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Immanuel Kant (1784)                                                    
Lange Zeit hatte ich gezögert, die folgenden Zeilen, die aus gutem Grunde in der Ich-Form geschrieben sind, zu veröffentlichen. Ich weiß: Der Hauptwerk-Eiferer wird sich überfordert bis absolut brüskiert fühlen, der Hauptwerk-Skeptiker hingegen vielleicht bestätigt. In allem soll jedoch derjenige angesprochen sein, der seinen Verstand und zugleich die Software (egal ob MyOrgan, GrandOrgue oder Hauptwerk) nüchtern und nicht als Distinktionsschild benutzen mag. Es ist jedem Lesenden nicht nur unbenommen, sondern auch ausdrücklich zu wünschen, sich ein jeweils eigenes kognitives Konstrukt zum Thema zu erarbeiten. Eines soll deutlich werden: Ich nehme Hauptwerk & Co. beim Wort! 

Der letzte Auslöser für diese Veröffentlichung war für mich die umfängliche Diskussion über drei wohl strittige Hauptwerk-Samplings auf diversen Internet-Plattformen. Die Samplings sollen angeblich mit Unregelmäßigkeiten vorgenommen worden sein. In einem Fall hat sich offenbar eine Kirchengemeinde an die Öffentlichkeit gewandt. 

Achtung: Im Web wird mit Bildern der Cappel - Arp-Schnitger-Orgel für den Kauf einer Software / Sampleset zum Herunterladen geworben. Diese Tonaufnahmen entsprechen nicht dem Klangbild der Arp-Schnitger-Orgel Cappel. Wir distanzieren uns von diesen Anbietern! Warning: The web is with pictures of Cappel - Arp-Schnitger organ advertised for the purchase of a software / sample set for download. These recordings do not match the sound of the Arp-Schnitger organ Cappel. We distance ourselves from these sellers!” (http://www.arp-schnitger-orgel-cappel.de - Aufruf 26.01.2013)

Meldungen dieser Art überprüfe ich grundsätzlich, deswegen habe ich in Cappel angerufen. Die mitgeteilten Informationen waren für mich als Hauptwerk-Nutzer in der Tat höchst irritierend. Die Cappeler Vorwürfe beziehen sich dem Vernehmen nach auf das Jahr 2003 und den nunmehr für Hauptwerk maßgeblichen US-amerikanischen Sampleset-Hersteller, nämlich Brett Milan von Milandigitalaudio. Ihm gehört Hauptwerk. Unter anderem konnte ich hören, dass seitens der Gemeinde niemals eine offizielle Erlaubnis zu einem Sampling der Cappeler Schnitger-Orgel vorgelegen habe. Erst sehr viel später sei man durch Dritte auf die kommerzielle Produktion eines Samplesets aufmerksam gemacht worden. Ein im Marktfeld Hauptwerk Handelnder mutmaßte aufgrund besonderer Set-Details in einem Forum, dass das Cappeler Sampling wahrscheinlich in Eile vollzogen worden sein dürfte. Wie ich hörte, hat die Kirchengemeinde Cappel einen Anwalt beauftragt.      

Wie dem auch sei, in dieser Angelegenheit liegt eine gewisse Brisanz, was sich auch in genannten Diskussionen deutlich zeigte. Einzelne Hauptwerk-User waren sehr betroffen. Insgesamt reichten die Reaktionen in einem der Foren jedoch von äußerst enttäuscht über mental schlicht bis auch heftig ausfallend, was freilich in diesem Kreis nichts Neues war. Viele Hauptwerk-Werbemetaphern wurden in apologetischer Form reflexionserleichtert wiederholt, sinngemäß à la "Mensch, die können doch in Cappel froh sein, dass ihre Orgel mit Hauptwerk dokumentiert wurde und jetzt bekannter wird". Dass der oftmals zu hörende Anspruch, mit Hauptwerk eine Orgel gut dokumentieren zu können, durchaus als Fata Morgana entlarvt werden kann, wird in Kapitel 11 („Akustischer Photoshop“ als völlig falsches Medium?) aufgezeigt. 

Indes weiß man wohl in Hauptwerkkreisen diese Informationen über die Cappeler Causa zielführend zu tabuisieren. Es verwundert mich heute nicht mehr, dass sich Hauptwerk-User nicht so sehr über zensierte Postings bzw. gelöschte Links ärgern, wenn es der gefühlte "Chefe" (O-Ton eines deutschen Power-Users) denn so entschieden hat.

Ein Konzertorganist, der auch als prominenter Demo-Einspieler für einen sehr erfolgreichen kommerziellen Hauptwerk-Sethersteller bekannt wurde, meinte gar, nachdem ich mich in die Diskussion auf einer der Plattformen einbrachte und systemische Zusammenhänge aufzuzeigen versuchte, mir „grenzenlose Verliebtbeit in die eigenen Gedanken“ mit „einem kleinen Schuss blankem Hass als Beigabe“ unterstellen zu müssen. Ich nehme ihm diese blasse Invektive nun wirklich nicht übel, sie mag ihm gegebenfalls im Nachhinein selbst peinlich sein, da sie auch ohne irgendeine sachliche Argumentation als Erwiderung vorgetragen wurde. Einlassungen dieser Art demonstrieren gleichwohl vorzüglich, wie sehr doch analysierende Betrachtungen zu den Begleiterscheinungen von Hauptwerk bislang fehlten. Sie sind eine Alternative abseits des Hauptwerk-Gruppendrucks, der auch sicherlich eine pekuniäre Facette besitzt. Insofern stellen die Umstände der Nutzung dieses Orgelsoftwaresamplers musiksoziologisch betrachtet ein durchaus interessantes Phänomen im Bonsai-Format dar.

Für viele Nutzer ist es schlichtweg nicht auszuhalten, dass jemand wie ich für Hauptwerk viel Geld ausgegeben hat, die neueste Vollversion des Programms besitzt und damit Orgel spielt und dann dennoch Kritik übt. Man betrachtet es als eine Art Fahnenflucht oder Nestbeschmutzung. Diese schlichte Weltdeutung ist m.E. eine weithin verbreitete Form der kommerziellen Gruppendynamik bei erhöhter Identifikationserwartung. Wir kennen es von Apple Macintosh, Tupperware oder gar Thermofix.

Ich persönlich habe gelernt: Ein finanziell verwertbar anständiger Hauptwerk-Lizenzinhaber jubelt - oder er schweigt. Zahlen muss er ohnehin. Viele Hauptwerk-Anhänger haben es nicht so sehr mit Kritik, um es einmal etwas umgangssprachlich auszudrücken; wir werden uns die Gründe im weiteren Verlauf noch etwas genauer ansehen. Ein Außenstehender äußerte dazu diese Worte: „Ich stelle nur fest, dass Kritik an Hauptwerk nicht diskutiert, sondern dementiert wird“.

2. Szenenwechsel: Abmahnung durch OrganArt Media als Eigentor?  

Kommen wir nun zu einem weiteren und auch ganz anderen Hauptwerk-Kapitel, das sich in aller Simplizität schnell skizzieren lässt: 
 

Anlässlich der anwaltlichen Abmahnung durch OrganArt Media resp. Herrn Prof. em. Helmut Maier wurden hier im Frühjahr 2012 von mir - der ich mehrfach OrganArt Media-Kunde war - insgesamt 28 unabhängige und verbraucherorientierte Journal-Seiten zum Softwaresampler Hauptwerk und dessen Sampleset-Software gelöscht, um mögliche weitere Abmahnungen durch OrganArt Media o.a. zu vermeiden.

Diese Abmahnung geschah ohne jegliche vorherige Kontaktaufnahme. Die Kosten beliiefen sich auf 911,80 € bei einem behaupteten kommerziellen Gegenstandswert von 25.000 € wegen einer Textpassage zu einem einzelnen OrganArt Media-Sampleset.  

Die Verfahrensweise wirkte auf mich routiniert und zugleich arg unverhältnismäßig. Man hätte die Angelegenheit gewiss persönlich, einvernehmlich und zeitnah regeln können, aber das war meinem Eindruck zufolge nicht das Ziel von OrganArt Media. Zu einer Schlichtung schien OrganArt Media auch nicht bereit zu sein, obwohl ich die monierte Textstelle bereits ohne Anerkennung einer Rechtspflicht gelöscht hatte.

Zur Vermeidung langwieriger rechtlicher Auseinandersetzungen mit OrganArt Media habe ich mich dann auch unter Vernachlässigung von Zweifeln meiner Ratio (die im Nachhinein durch meinen persönlichen Eindruck weiterer inhaltlicher Fragestellungen größer wurden) entschlossen, die strafbewehrte Unterlassungserklärung in einer m.E. von mir sehr modifizierten Form zu unterzeichnen, eine kurzgefasste Richtigstellung in meinen Hauptwerk-News zu veröffentlichen und die 911,80 € an den Anwalt von OrganArt Media zu zahlen.      

Im Gegensatz zu den Kosten für den Kauf von Hauptwerk-Sets, die man auch aufgrund ihrer Marktneuheit erstehen zu müssen glaubt, obwohl sie im Nachhinein betrachtet meist ein weithin ungenutztes Dasein auf den Festplatten verbringen, mag diese Summe der OrganArt Media-Abmahnung gering erscheinen. Wir werden im weiteren Verlauf dieser Betrachtungen sehen, dass dieses Geschehen doch erstaunlicherweise eine besondere Wendung erhalten sollte. Wir werden aber auch wahrnehmen, wie die verbreitete Angst vor Abmahnungen die Diskussionskultur offensichtlich nachhaltig beeinflusst. 

GrandOrgue - die kostenfreie, engagierte und deutschsprachige Alternative zur Software Hauptwerk     

Die weiterentwickelte Orgelsoftware GrandOrgue ist kostenfrei. Sie stellt offensichtlich eine Alternative zum Programm Hauptwerk dar. Die Preisentwicklung der Hauptwerk-Vollversion sei hier beziffert: Hauptwerk 2 kostete im Jahr 2006 noch 360 €, für Hauptwerk 4 müssen heute ca. 650 €/1240 € entrichtet werden.

GrandOrgue im Vergleich – auch im Hinblick auf MyOrgan, dem früheren Hauptwerk-Konkurrenz-Produkt:

- Samplequalität 24-Bit 48/96 kHz, Multi-Loops, Multi-Releases - Mehrkanal-Tonausgabe - Größe der Samplesets nur durch das Betriebssystem bzw. die verfügbaren RAM-Ressourcen des jeweiligen PCs begrenzt - integrierter Faltungshall (Convolution Reverb für IR-Dateien) - mit Windows, Linux oder OSX zu betreiben
- enorm kurze Ladezeiten z.B. aus einem SSD-Cache (offenbar schneller als Hauptwerk) - Bedienung lt. User-Erfahrungen fühlbar logischer aufgebaut und funktioneller - GrandOrgue in deutscher Version verfügbar - intensiver Kontakt der in Deutschland Engagierten zum Hauptentwickler von GO;

 NEU  - GrandOrgue kann jetzt das Motorgeräusch, die Geräusche der Spieltrakturen und auch die Geräusche der Registertraktur wiedergeben - in Vorbereitung: weitere Features und Anpassungen von unverschlüsselten Hauptwerk-Samplesets (v.a. der Hersteller Prospectum und Sonus paradisi), um sie mit GrandOrgue spielbar zu machen (kostenloser Download der jeweiligen Orgeldefinitionsdateien auf der MPS-Orgelseite).

- GrandOrgue besitzt kein Windmodell. In der US-Version von Hauptwerk ist dieses ebenfalls nicht vorhanden. Das Hauptwerk-Windmodell generiert vernehmlich synthetische Windschwankungen, die mit den realen
 Windstößigkeiten der jeweiligen Orgel nichts zu tun haben und mittels eines Computerprogrammes frei erfunden werden (physical modeling). - Ein Midi-Rekorder zum Aufnehmen und Wiedergeben des Gespielten wie in Hauptwerk 4 ist bei GrandOrgue nicht integriert. Dabei muss beachtet werden, dass das Midi-Aufnehmen und -Abspielen mit Hauptwerk 4 auch nur dann wirklich funktioniert, wenn ein und dasselbe Sampleset (sic!) verwendet wird. Eine Tonaufnahme als Wave-Datei funktioniert mit GrandOrgue jedoch ebenso wie in Hauptwerk. - Es gibt keinen Modus, um GrandOrgue als VST-PlugIn in Sequenzerprogramme o.ä. direkt einzubinden.
- Das Anzeigefenster von GrandOrgue kann nicht wie mit Hauptwerk 4 auf eine beliebige Größe skaliert werden. - Die verschlüsselten HW-Sets können aus rechtlichen Gründen mit GrandOrgue nicht verwendet werden. 

mehr auf der MPS-Orgelseite         

3. Was wäre Hauptwerk ohne instrumentalisierte Enthusiasten?

Seit 2005 hatte ich als zunächst begeisterter Nutzer in verschiedenen Orgelforen initiativ und sehr engagiert Werbung für Hauptwerk betrieben. Seit der Online-Stellung dieses Journals im Jahre 2007 war ich immer wieder damit beschäftigt, über Hauptwerk auf einer wachsenden Zahl von Subpages zu berichten, was mir in konservativen Orgelkreisen teilweise vehement vorgeworfen wurde. Das Software-Produktfeld Hauptwerk lebt von diesem Engagement der Anwender. Hauptwerk wäre ohne diese kostenfreie Promotion durch Enthusiasten sicherlich ein längst beendetes Kapitel ohne jegliche Umsatzsteuerpflicht.

Durch meine stets aktualisierten News und Betrachtungen hatten im Laufe der Jahre zahlreiche Leserinnen und Leser von der Existenz dieses Nischenprodukts überhaupt erfahren und sowohl Empfehlendes als auch Kritisches abseits der gefühlt „angefütterten“ Hofberichterstattung lesen können, denn ein Vorteil war für die Leserschaft a priori spürbar: Meine Unabhängigkeit erlaubte es mir, kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.

Für mich stellt sich heute die Frage: War ich als multiplizierender und enthusiasmierter User, der seit 2005 nahezu 20.000 € in Sachen Hauptwerk investiert hat, nicht doch sehr naiv? Meinen Informationen zufolge war ich nicht der Erste, der im Marktfeld Hauptwerk eine erheblich kostenpflichtige Abmahnung ohne jegliche vorherige Kontaktaufnahme erhielt. Dem oder den Abmahnenden ist vermutlich jedoch nicht bewusst, dass sie medienpsychologisch genau das Gegenteil des gewünschten Zieles erreichen: Mit einer Abmahnung kann man sich vermutlich sein eigenes Hauptwerk-Denkmal setzen.
Offenbar wurde die Software Hauptwerk mittlerweile mehrfach in sog. klassischen Orgelforen mit dem Wort Abmahnung assoziert. Man schießt sich augenscheinlich ein Eigentor im Sinne des Psychologiekurs-Satzes Nr.1: "Denke nicht an ein gelbes Auto!"

4. Jetzt einmal grundsätzlich: Gibt es eine Hauptwerk-Mentalität? 
                                                                                    Denjenigen, die mir zum Weiterbetreiben meiner Hauptwerk-Seiten rieten, sei gesagt: Warum sollte ich noch weiterhin für Hauptwerk & Co. kostenfrei werben, wenn ich als langjähriger Multiplikator in dieser vermeintlichen „community“ durch die Abmahnung eines Hauptwerk-Unternehmers wohl abgestraft werden sollte? Ich habe bislang keine in summa überzeugenden Argumente vernommen. Ein Anstoß zur Löschung meiner Hauptwerk-Seiten lag auch in der zunehmenden subjektiven Wahrnehmung systemischer Muster im Themenkreis Hauptwerk - und das ganz abseits der beachtlichen OrganArt Media-Abmahnung: So konnte ich die grundsätzliche Mentalität der sog. HW-Community, wie sie sich mir darbot, im Laufe der Zeit immer weniger akzeptieren.

Die meinerseits empfundene Melange aus plakativer Überlegenheitsattitüde, höchst auffälliger Zensur in den angeblichen Idealismus-Foren, ritualisierter Wonderfull-Incredible-Infantilisierung, pseudowissenschaftlicher Dokumentationsillusion, offensichtlicher Produktintransparenz, preislicher Maßlosigkeit, nahezu potemkinschen Lizenzen und einem auffällig kreativen Geschäftsgebaren wurde mir zunehmend suspekt. Meines Erachtens herrscht auf dem Markplatz Hauptwerk eine tendenziell asymmetrische Kommunikation zwischen Handelnden und Kaufenden vor, die sich wohl oftmals durch Unterordnung, teilweisem Vernunftverzicht und merklicher Instrumentalisierung äußert. Wie gesagt, das alles sind lediglich meine persönlichen Eindrücke, aber gerade auch deswegen mochte ich mich weder grundsätzlich mit möglichen Hauptwerk-Unregelmäßigkeien identifizieren lassen noch mit meinem Namen für derlei kommerzielle Waren mittelbar werbend eintreten.

Es besteht für mich angesichts des Nischenprodukts Hauptwerk z.T. eine Inkongruenz von Anspruch und Wirklichkeit. Persönlich stören mich die immer wieder wahrgenommenen Superlativ-Parolen, die von sensiblen und geübten Hörern eines realistischen Orgelklanges mit gewisser Irritation rezipiert werden können. Auch vor der Folie einer gefühlten technischen Intransparenz wegen fehlender Angaben und schwachen Spezifikationen wie „für jede Pfeife mindestens zwei Release-Layer“, „many ranks ... recorded tremmed samples“ oder „etliche Register verfügen über“ evozieren die üppigen Hauptwerk-Werbemetaphern zumindest Fragestellungen, die von einer wohl sehr gläubig-trutzigen Käuferschar, die sich für mich sogar zum Teil in einer Art Gefolgschaft unter dem Anschein des Exklusiven zu tummeln scheint, wenig hinterfragt werden. 

Schweigen gehört vernehmlich zum Hauptwerk-Alltag: Ein niederländischer Setvertrieb bringt ein neues und teures Produkt heraus, beachtlich wenig Produktfakten in der Werbung besitzt, obwohl die Historie des Original-Instrumentes in epischer Länge dargelegt wird. Über Monate fragt kein User lt. mehreren Foren nach, ob eine Hauptwerk-Verdonglung zur Inbetriebnahme vonnöten ist, ob die Dateien verschlüsselt sind, ob eine Probierphase und somit ein außerordentliches Umtauschrecht eingeräumt wird oder ob denn nicht bessere Demos verfügbar wären. Es werden auf der Verkaufsseite allem Anschein nach nur YouTube-Clips mit der üblichen Kompression als Hörbeispiele angeboten. Die Qualität der andernorts geposteten MP3s scheint bei genauerem Hören nicht gewohnten Ansprüchen zu genügen, was Fragen aufwirft. Offenbar ist das für den Hauptwerk-Nutzer alles kein Problem.  

Ja, ich glaube, dass es eine Hauptwerk-Mentalität gibt, und ich halte sie persönlich für den Bestandteil einer wohldurchdachten Marketing-Strategie. Ein kritischer Hauptwerk-User beschrieb mir einmal seine Eindrücke bezüglich vieler Nutzer: Sie würden sich durch die „Angst, die fütternde Hand, die man mit Vornamen ansprechen darf, zu verlieren“ in ihrer Grundeinstellung auszeichnen.

5. Als Hauptwerk einst verkauft wurde ...

Spätestens ab der Jahreswende 2008/2009 wurden mir manche Zusammenhänge mehr und mehr deutlich. Zu dieser Zeit wurde Hauptwerk von dem Briten Martin Dyde (dem „Erfinder“ der Software) an den mehr als intelligent wirkenden US-Amerikaner Brett Milan veräußert, der sich immer wieder auch mit der Produktion der vernehmlich teuersten Hauptwerk-Samplesets beschäftigt, deren Qualität auch intern gleichwohl deutlich umstritten zu sein scheint.
Hinsichtlich der Software Hauptwerk im eigentlichen Sinne ist es sicherlich korrekt, eine beachtliche bis kreative Upgrade-Politik durch Brett Milan wahrzunehmen. 

Milans neuestes und höchst auffällig preisgünstiges Set – m.E. mit einem penetranten „bwffft-Klangfaktor“ wichtiger Register behaftet – soll offenbar den Verkauf der Hauptwerk-Version Nr. 4 befördern, denn nur für diese Version scheint es betriebsbereit zu sein. Auch der im Mindestmaß erforderliche RAM-Bedarf drängt den Käufer offensichtlich zum Kauf der erheblich teureren Advanced Edition. Wer mag da einen Zufall vermuten?

Apropos „bwffft“: Wenn einmal ein User bemerkt, dass dieses oder jenes an einem Hauptwerk-Set nicht stimmig ist, so wird ihm meiner Erfahrung zufolge gerne mitgeteilt, dass das doch „authentisch“ wäre. Manchmal wird ihm sogar von dem einen oder anderen Samplesethersteller der Ratschlag mit auf den Weg gegeben, dass er seine Hauptwerk-Orgel bitte nicht so laut einstellen möge. Oder man teilt ihm lakonisch mit, dass es schlichtweg unmöglich sei, die vielen tausend Samples allesamt sorgfältig zu überprüfen.     

Selbst über Brett Milans allem Anschein nach (zumindest wohl einst) vorhandenes Rückenleiden nebst OP oder notwendiger täglicher Ibuprofen-Dosis sind meiner Erinnerung zufolge Details bekannt, die er offenbar selbst in seinem Forum in Umlauf brachte. Derartig öffentliche Vertraulichkeiten schaffen bekanntlich häufig Kundenbindung. Es verwundert mich hingegen, dass m.W. sehr wenig belastbare Informationen über seine genauere Ausbildung ("engineer"; er soll E-Gitarre und Orgel spielen), seine Tätigkeit vor dem Einstieg in Hauptwerk oder die wirkliche Geschäftsstruktur mit Martin Dyde innerhalb von Milan Digital Audio LLC verfügbar sind. In E-Mails nennt er sich übrigens „President“ bzgl. seiner Firma.

Ich wüsste gerne mehr über das Unternehmen Hauptwerk, dem ich bereits viel Geld in die Hand gegeben habe.  

Vor dem Hauptwerk-Verkauf in die USA hat ein bekannter Sampleset-Hersteller "aus dem alten Europa" laut eigenem Bekunden Martin Dyde (im zeitlichen Umfeld der Gründung von Crumhorn Labs Ltd. bzw. der Herausgabe der Version Hauptwerk 2) eine geschäftliche Zusammenarbeit angeboten, die dieser jedoch dankend und recht schnell abgelehnt haben soll. Die in diesem Zusammenhang geäußerte Wertung, dass Dyde sein Lebenswerk verkauft hätte, mag hier nicht kommentiert werden. Offensichtlich wurde der Verkauf von Hauptwerk jedoch von vielen Usern mit einem nachhaltigen Schrecken wahrgenommen.

Insgesamt modifizierte sich m.E. auch zunehmend der „Charakter" von Hauptwerk nach dem Verkauf in die USA; die internen Umgangsformen sollen sich ab dieser Zeit merklich verändert haben. Vielleicht ist dieses auch bei einer professionellen Kommerzialisierung, die vor allen Dingen Verkaufszahlen fokussiert, wenig verwunderlich. So ist es für mich auch in einem gewissen Maße vernachlässigbar, dass Joseph Smith augenscheinlich immer wieder einmal moderierend vernommen werden kann.

Das zu dieser Zeit sehr ungeklärt auf mich wirkende Verschwinden der Hauptwerk1-Konkurrenzsoftware MyOrgan (ehemals durch den programmiertechnisch sehr versierten und in dieser Hinsicht auch überlegenen Theologen Kirk Meyer um Längen benutzerfreundlicher und mit bedeutend weniger Spiel-Latenz auf den Weg gebracht) kann hier nur am Rande erwähnt werden. Ein Leser schrieb mir vor Kurzem, dass man doch seinerzeit Kirk Meyer - und somit die Konkurrenz für Hauptwerk - mehr hätte unterstützen sollen!  

Die im Laufe der Zeit gewachsene Exklusivität der Software Hauptwerk und ihrer Sets durch Dongle, Verschlüsselung von Dateien und fehlender Kompatibilität für andere Sampler etc. schien manchem Getreuen vernehmlich unsympathisch zu werden. (Eigenartig erscheint mir übrigens, dass es offensichtlich nicht bekannt ist, was in diesem Haupwerk-Dongle de facto an Daten gespeichert und per diagnostic file übermittelt wird.) Der weitere Monetarisierungsschub mit nicht nur optisch gefühlter Amerikanisierung mag diesen Eindruck verstärkt haben. Die meiner Erinnerung zufolge nachträglich eingerichtete HW1/HW2-Kompatibilität und die spätere freilich sehr begrenzte Free-Version von Hauptwerk mag zumindest ein gewisses Einsehen in die vermutlich doch insgesamt unkluge elitäre Marketing-Strategie bestätigen.

Das zwischenzeitliche und höchst umstrittene Ansinnen eines Anbieters, für seine Sets sogar die "Intonierfunktion" des Hauptwerk-Programmes zu sperren, entsprach vermutlich diesem seinerzeit bemerkenswerten Hochgefühl einer Alleinstellung in puncto Orgelsimulation. 

Die recht erstaunliche Weiterentwicklung von GrandOrgue (wohl hervorgegangen aus MyOrgan) wird auch in den Hobby-Hauptwerkforen der Enthusiasten zur Kenntnis genommen, auch wenn sie dort recht verstohlen und ängstlich als dräuende Konkurrenz miteingebunden wird. Hier scheint eine gewisse Furcht mit im Spiel zu sein. Der Orgelsoftwaresampler GrandOrgue kann nicht nur Release-Trigger-Samples steuern, GrandOrgue besitzt offenbar mittlerweile auch die Einbindung eines inklusiven Convolution reverb (Faltungshall). 

Nota bene: Bereits seit 2006 soll lt. User-Mitteilungen die Einbindung eines Faltungshalles in Hauptwerk in Aussicht gestellt worden sein. Immerhin ist hier von einer Software die Rede, die in der Vollversion für die private Nutzung fast 650 €uro kostet. Die öffentlich nutzbare Version ist für ca. 1240 €uro zu erwerben.

Eine Marginalie noch zum oft abgewehrten Begriff der Kommerzialisierung: Meiner Wahrnehmung nach war ist bis heute zu beobachten, dass das Wort „Idealismus“ resp. „idealism“ in Hauptwerk-Kreisen gerade von den denjenigen immer wieder gerne eingesetzt wird, die mit der Software umsatzsteuerpflichtig Geld verdienen.                                                                                                                

zur Fortsetzung des Hauptwerk-Textes (Teil 2) - hier klicken!       

6.  Der Klick-Faktor: Die Hauptwerk-Denunziation und die ...
7.  Geschlossene Hauptwerk-Gesellschaft? 
                                                    
8.   Ideologisches Identifikationsterrain mit religiös-mystischen Topoi?                       9.   Religionsphänomenologisches und Salutogenese
10. Sancta Simplicitas & Co.  

zur Fortsetzung des Hauptwerk-Textes (Teil 3) - hier klicken!                             
11. Drei Thesen zur Frage: „Akustischer Photoshop“ als völlig falsches Medium?   
12. Die Dilemmata der ausgeliehenen Klänge und die Illusion gestrenger Lizenzen
13. Hauptwerk-AGB-Satire à la „Und das war's dann halt“?
14. Zurück zur OrganArt Media-Abmahnung: Sturm im Wasserglas?  
        

                                                                                                                                         

                                                                                                                                    

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