Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Editorial Sommer 2010
Quandtarde 32': Lautes Schweigen im Dom zu Speyer - Wer sind die wahren Sponsoren dieser deutschen Zwangsarbeiter-Orgel?
So könnte man es fürwahr mit einem Stilmittel formulieren. Gerne wird in der deutschen Kirchenmusikszene der Umstand tabuisiert, dass im Speyerer Dom ab August ein weiteres Instrument (Orgelbau Seifert IV/87) entsteht, dessen Finanzierung durch die deutsche Industriellenfamilie Quandt mit - mittlerweile verzinsten - 1,8 Millionen Euro als ethisch höchst umstritten gelten kann. Die Vorbehalte gegenüber der Art und Weise, wie die genannte Familie abseits des immer wieder multiplizierten BMW-Mythos ihre finanzielle NS-Vergangenheit de facto wenig aufzuarbeiten bereit ist, sind ebenso wenig von der Hand zu weisen wie der subjektive Eindruck, dass sie bis heute zynisch mit den Betroffenen kommuniziert.
Interessierte mögen sich als Einstieg die preisgekrönte und über fünf Jahre recherchierte NDR-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" zu Gemüte führen.
http://video.google.com/videoplay?docid=-5546132702405608270
Das unangenehme Miteinander von Kapital und Kirche muss zwar nicht verwundern, die Causa "Domorgel Speyer" mutet jedoch abstoßend an, wenn bedacht wird, dass das verwendete Geld offensichtlich mittelbar durch die Schreie bleivergifteter Geschundener und Ausgebeuteter erwirtschaftet wurde. Die Verantwortlichen im Bistum Speyer geraten hier unweigerlich mitsamt ihrer Musica ohne zwingenden Grund in eine äußerst skandalöse Lage und müssen sich nach ihrem Auftrag fragen lassen.
Bemerkenswert bleibt, dass sich bezüglich der Vergangenheitsbewältigung in der letzten Zeit - abgesehen von ganz andersartigen Pressemeldungen - nicht wirklich viel Neues ergeben hat und vor allem eines gepflegt wird: habitualisierte Verdrängung! O-Ton des Dombauvereins: "Übrigens: Die beiden Speyerer Orgeln werden durch eine bereits 1998 erfolgte Schenkung der Industriellenfamilie Quandt finanziert." Mehr nicht.
Geschmackloses Register, habitualisierte Verdrängung und Landminen Indes verrät die äußerst geschmacklose und völlig indiskutable Bezeichnung des lauten und martialisch klingenden Pedalzungenregisters 32' (ursprünglich als "Contraposaune" vorgesehen) mit dem Namen "Quandtarde" vermutlich etwas über das tumbe Niveau des örtlichen Diskurses, zumal die quandtschen Rüstungswerke des 2. Weltkriegs nicht nur Batterien, sondern auch Schusswaffen und Munition herstellten.
Wie eine Registerbezeichnung zum Skandal werden kann: voraussichtliches Klangbild Quandtarde 32' (Download MP3 108 KB)
Auf das Millionengeschäft mit der Landmine DM-31 nach dem 2. Weltkrieg (von der Quandtgruppe 1962-67 in Karlsruhe gefertigt, u.a. drei- bis vierhundert Stahlsplitter!) soll hier wenigstens mit diesem erschreckenden Zitat eingegangen werden: "Die Metallsplitter des Minenkörpers haben einen Wirkungsbereich von etwa einhundert Metern rund um den Detonationspunkt und wirken gegen Menschen und ungepanzerte Fahrzeuge. Innerhalb eines Radius von sechzig Metern ist bei ungeschützten Personen mit zu fünfzig Prozent tödlichen, bis einhundert Metern mit schweren bis leichten Verletzungen zu rechnen." Sie wurde auch in die sog. Dritte Welt exportiert.
Im negativen Sinne unübertroffen bleibt jedoch die markierende Einlassung des Sven Quandt, die augenscheinlich die Konzerngeschichte vor 1945 zynisch zu fokussieren versucht: „Und wir müssten endlich mal versuchen, das zu vergessen. Es gibt in anderen Ländern ganz ähnliche Dinge, die passiert sind, auf der ganzen Welt. Da redet keiner mehr drüber.“
Bleikoliken: Jubilus in unaufgelöst dissonanter Polyphonie mit Requiem
Weder Bischof Karl-Heinz Wiesemann noch der neue Domorganist Markus Eichenlaub werden es angesichts dieser grotesken Tabuisierung verhindern können, dass allen reflektiert singenden Gottesdienstteilnehmern zukünftig das Halleluja im Halse stecken bleiben könnte. Das theologische Konstrukt der Erbsünde erhielte hier abseits der oft unglücklichen Rezeption einen ganz neuen Input, zumal die ursprüngliche Denkrichtung betont wird: Wir sind kollektiv in Schuld verstrickt.
Es drängt sich letztlich der Eindruck auf, dass man sich in Speyer zugunsten netter neuer und vor allen Dingen modischer Orgelklänge für ursprünglich 3 Millionen D-Mark den Schneid hat abkaufen lassen. Ohne eine sichtbare und kirchlich kommunizierte Metanoia der Sponsoren wird die Angelegenheit für alle Beteiligten augenscheinlich nur dumm ausgehen können: für die Domgemeinde und damit für die ohnehin stark gebeutelte Kirche, für die Musiker vor Ort, für den Orgelbauer und selbstverständlich auch für die Sponsoren selbst. Jedes halbwegs funktionierende Harmonium wäre besser gewesen, denn das intakte Vorgängerinstrument von 1961 wurde bereits im letzten Jahr nach Ostpolen (sic!) ausgemustert.
Spannungsfeld des christlichen Ethos
In summa betrachtet erhält die neue Domorgel zu Speyer durchweg das Prädikat: Geht nicht! Im Spannungsfeld des christlichen Ethos muss zudem nach dem Schamgefühl der Entscheidungsträger gefragt werden.
Vergessen wir nicht: Die wahren Sponsoren der 5278 Pfeifen dürften die ausgebeuteten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sein. Einige wenige leben noch. Übrigens kalkulierte dem Vernehmen nach der Wehrwirtschaftsführer Günther Quandt im firmeneigenen und von SS-Mannschaften bewachten KZ-Lager Hannover-Stöcken 80 Tote pro Monat ein. Gemeint sind die "Arbeistsklaven, die in der Akkumulatorenproduktion unter barbarischen Bedingungen ohne Schutzkleidung die giftigen Dämpfe der warmen Bleimasse einatmen und selbst von Bleikoliken geplagt weiter schuften mussten" (René Del Fabbro in histech.org).
Jeder Speyerer Jubilus gerät in die unaufgelöst dissonante Polyphonie eines jeweils mitgehörten "Requiem aeternam dona eis, Domine". Ja, es sind Schreie zu hören.
Matthias Paulus Kleine (24.07.2010)
