Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche   

                                                             

                                                                               

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Vom baldigen Stellenwert digitaler Kirchenorgel-Installationen im Spannungsfeld des boomenden Gebrauchtorgelmarktes        

 im Schreibprozess               

In letzter Zeit fällt auf, das in renommierten Kirchenmusiker-Fachzeitschriften zunehmend Digitalorgelhersteller werben. Auch das Thema einer Kombination aus Pfeifenorgel und digitaler Ergänzung gerät mehr und mehr in den Blick. Vor Jahren wäre das alles noch sehr viel weniger denkbar gewesen - zumindest ab einem gefühlten Vorherrschen des sog. sich etabliert gebenden Orgelpurismus.

Viele der Aktivisten genannter Couleur besitzen zwar im heimischen Arbeitszimmer eine verheimlichte "Gummipuppe", wie sie häufig schamhaft nach dem Outing genannt wird, doch über Installationen in kirchlichen Räumen möchte man sich dann allenfalls im Rahmen der notwendigen Ausstattung von Friedhofskapellen austauschen - und das auch nur widerwillig und ohne feststellbares Wissen. Dieses habitualisierte Defizit der Auseinandersetzung fällt nunmehr als Wissensrückständigkeit auf: Es fehlen durchweg Information und Erfahrung bezüglich der Installation von Digitalorgeln in größeren Räumen.

Test: Sprechen Sie einmal den für Sie Zuständigen - in der Regel bezeichnet er sich als "Orgelsachverständiger" (OSV) - in dieser Angelegenheit an; Sie werden erstaunt sein, denn mehr als institutionelle Abwehr und den Hinweis auf ein diesbezügliches "Orgelhaus" werden Sie in der Regel nicht zu hören bekommen.  

Dass vermehrt Bedarf an dem kirchlichen Einsatz von Digitalorgeln besteht, zeigt sich indes auch an der neuen Baureihe "Ecclesia" eines gekannten Digitalorgel-Herstellers, die serienmäßig ohne interne Lautsprecher (vielerorts als "Hosenbeinbeschallung" bezeichnet) hergestellt wird. Zur Grundausstattung dieser Baureihe gehören jedoch offensichtlich mehrere externe Abstrahlungseinheiten. Ob man mag oder nicht: Fragen zur sog. digitalen Sakralorgel (oder wie auch immer diese zu bezeichnen wäre) werden in den nächsten Jahren angesichts der kirchlichen Nachlassverwaltung auf die Gemeinden unweigerlich zukommen. 

Wer berät eigentlich?    

Übrigens stellt die Funktionsbezeichnung "Orgelsachverständiger" einen in gesetzlicher Hinsicht völlig ungeschützten Terminus dar, da es eine wirklich ernstzunehmende Ausbildung zu dieser Tätigkeit mitnichten zu geben scheint. Es drängt sich nicht nur Insidern immer wieder der Eindruck auf, dass es sich bei dem vermeintlichen Titel OSV um eine persuasive Benennung handelt. Umso mehr wird auf Gemeindemitglieder die Notwendigkeit zukommen, sich mit dem Thema vernunftgeleitet und informiert zu beschäftigen: Digitalorgel - ja oder nein? Wenn ja, dann wie bitte? Und: Hat der "Orgelsachverständige" Recht, wenn er im Gegensatz zu einer stattlichen Digitalorgel eine Mini-Pfeifenorgel strikt empfiehlt?     

Klein- bis Kleinstpfeifenorgeln oder desaströse Digitalorgeln befriedigen in der Regel weder die Gemeinde noch den diensthabenden Musiker auf Dauer. Hier liegt dann ebenso ein klanglich wahrnehmbares Missverhältnis vor wie bei einem kleinen Gottesdienstraum mit einer völlig überdimensionierten Digitalorgel von beispielsweise über fünfzig Registern. Unglückliche Digitalorgel-Installationen nach schlechter Beratung und unkundigem Beistand werden weder dem Original noch der Liturgie förderlich sein; die häufig abschreckenden und beweisführenden Beispiele mag man sich in vielen örtlichen Beerdigungsinstituten ansehen, bevor man sie hören muss. In der Tat gibt es abschreckende kirchliche Digitalorgel-Installationen, die sich durch Sparzwänge, mangelnde Vorbereitung und fehlende dialektische Kommunikation generiert haben.            

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Leichte Orgelwerke - Noten-Tipps für die Praxis mit Vorschau-Seiten  mehr 

Der Kasus knaxus: die Abstrahlung!   

Ein heikler Punkt ist bekanntermaßen der Bereich der sog. Abstrahlung und deren Kanalanzahl. Hier wird häufig eingespartes Geld gewonnen und zugleich klangliche Überzeugungskraft verloren. Dazu ein Zitat:

"Was gute Lautsprecher bringen? Dazu "zitiere" ich mal eine sehr gute Freundin von mir. Sie ist zwar begeisterte Hobby-Sängerin, aber durch die Ungnade der Geburt in eine bildungsferne Familie sind jegliche Versuche, sie einen Unterschied zwischen Prinzipal und Gambe oder Celeste oder nicht Celeste hören lassen zu wollen, völlig zum Scheitern verurteilt. Orgel ist Orgel und fertig. Sie war neulich dabei, als ich meine Rundies an die olle Sweelinck (1. Bauserie von ca. 1990) angeschlossen habe. Nach nicht mal einer Minute Spielen kam von ihr die Rückmeldung "Das klingt ja viiiiiel besser!" Will damit sagen, dass jemand mit ungeschultem Gehör - wie also die Masse von Kirchenbesuchern - diesen Unterschied in der Hardware sofort gehört hat. Ich schließe daraus, dass die heutigen Orgeln mit sehr guten Samples in einigen Jahren durch dann bezahlbare Line Array Systeme (oder was auch immer sich daraus für den Heimbereich ergibt) nochmals aufgepeppt werden können." (Quelle: www.Sakralorgelforum.de)

Die Problematik des wenig vorhandenen Geldes gestaltet sich jedoch vielschichtig, da häufig Pfeifenorgel-Leuchtturmprojekte (zunehmend mit mehreren „authentischen“ Pfeifenorgeln in einem einzigen Kirchraum) die Gesamtlage des kirchenmusikalischen Umfeldes - mit in der Regel bedauernswertem Notbetrieb - eher verschlimmern als bereichern. Um ein anderes Bild zu nutzen: Hohe Rösser müssen selbstverständlich auch gefüttert werden können. Insbesondere dann, wenn sie große Scheuklappen besitzen, wird die Futtersuche heftigst erschwert.    

Wiesbaden und die Bonifatiuskirche - Prominentes Beispiel einer digitalen Orgelergänzung: "Die 1954 von Romanus Seifert/Kevelaer erbaute Orgel mit (III/36) erwies sich bald als für den Raum mit seinen 9(!) Sekunden Nachhall als zu klein. 1985 wurde die Orgel durch die Firma Hugo Mayer unter Verwendung des vorhandenen Pfeifenmaterials neu erbaut. 1995 erhielt sie drei elektronische Bassregister (16′ Violon, 32′ Subbass, 32′ Bombarde)."  mehr   Neu   

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Konkretionen zum Thema                             Kombinations- oder Hybridorgel                                                                                                                     Christoph Klug packte die Experimentierlust an seiner 1972 erstellten Hillebrandt-Orgel (II/20). Den Werdegang der innovativen Orgelerweiterung fasst er wie folgt zusammen: "Bei meinem Fernwerkprojekt ging es mir ursprünglich darum, mit sehr einfachen Mitteln eine Erprobungsplattform zu schaffen. Die ersten Installationen waren nur temporär gedacht – aber aufgrund der sehr positiven Erfahrungen (speziell auch beim liturgischen Einsatz) ist das Fernwerk nun immer spielbereit." Die weiteren Details des Projekts dürften nicht nur für den handwerklich bzw. elektrotechnisch erfahrenen Organisten von Interesse sein.

MIDI-Fernwerk-Klänge an der Hildesheimer Liebfrauen-Orgel:

„Im Frühjahr 2008 wurde das Schwellwerkmanual der Orgel in der Liebfrauenkirche mit einem MIDI System ausgestattet (MIDI = Music Instrument Digital Interface). Dabei wurde das MIDI System im Orgelspieltisch "auf Maß" angefertigt. Ebenfalls "auf Maß" angefertigt wurde im Sommer 2010 die Midifizierung des Pedals. Mit Hilfe von MIDI können elektronische Klangerzeuger (Digital-Piano, Sound-Expander, Computer mit virtuellen Instrumenten) über das Schwellwerkmanual sowie das Pedal, parallel zur Orgel, angespielt werden. Somit ist die Technologie einer "Kombinierten Orgel“ (Pfeife plus elektronische Klangerzeugung) in der Liebfrauenkirche verfügbar! Diese Installation hat Werkstattcharakter, der Pfeifenorgelklang steht im Vordergrund ...“  mehr  

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Wie kann eine Digitalorgel in einer Kirche klingen? MP3s einer ca. 25.000 € teuren Digitalorgel (zzgl. Abstrahlung!) in einer mittelgroßen Pfarrkirche  mehr  

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Weiterführendes zum Thema Abstrahlung: Orgel & HiFi
  

Man könnte es auf den Punkt bringen: Wenn schon eine elektronische Kirchenorgel, dann bitte mit Sachverstand und der Bereitschaft, ein klein wenig mehr zu investieren! Und damit kein Missverständnis aufkommt: Digitale Orgeln sollten nur im „Notfall“ in kirchlichen Räumen installiert werden. Gewiss kann man zu akzeptablen bis befriedigenden Lösungen gelangen, deren Identität (bei entsprechender Kaschierung) erfahrungsgemäß - leider - nur einem Teil der Liturgie feiernden Gemeinde auffallen wird. Zweifelsohne ist und bleibt ein nie zu überbrückendes Manko die fehlende Sinnlichkeit eines Lautsprecherklanges und die Bedienung via "elektrischer Traktur". Letzteres ist jedoch leicht zu verkraften.   

Dann lieber eine kleine neue oder eine gebrauchte größere echte Orgel?    

Sollte man also doch - wenn die zweifelsfreien Defizite einer Digitalorgel zu sehr in den Fokus geraten - den neuen kleinen Positiv-Modellen (hier gibt es durchaus auch pfiffige und erweiterbare Varianten) nicht doch den Vorzug geben? Oder sollte es gar wegen der zunehmenden Kirchenschließungen und des in Folge boomenden Gebrauchtorgelmarktes nicht doch eine größere gebrauchte und und vor allen Dingen "echte" Orgel sein?

Zum Stichwort "erweiterbar" sei an dieser Stelle ein kleiner Hinweis erlaubt, der auf Erfahrung beruht: Es gibt zahlreiche Projekte jedweder Art, die die ursprünglich geplante Erweiterung um diverse Register, Teilwerke oder eine zusätzliche Abstrahlungseinheit nie erhielten. Der Grund war der Umstand, dass bereits der erste Bauzustand gut und doch irgendwie prima nach einer ganzen Orgel klang und alle auch wieder irgendwie damit zufrieden waren. Warum sollte man denn im Nachhinein noch einmal Geld ausgeben, das doch stets an allen anderen Enden besser gebraucht wird. Die Luft zum Durchhalten ist schnell verbraucht.

Vorausdenken ist angesagt 

So ist die Dimension eines längeren Zeitraumes aber auch in vielfacher Hinsicht mitzubedenken. Welcher Kirchenmusiker mag jahrelang an einer Kleinstorgel nebst angehängtem Subbass oder einer 0815-Digitalorgelinstallation (Stichwort: Hörermüdung!) fortwährend Anspruchsvolles generieren? Wäre dann nicht vielleicht ein ordentlicher Flügel die akustische Alternative zum digitalen Orgelsound? Aber auch bei Gebrauchtorgel-Angeboten muss ähnlich wie beim Hausbau die Endsumme über einen längeren Zeitraum mitbedacht werden. Transport, Aufbau, Modifikation, Gewährleistung und vor allem die Unterhaltskosten der nächsten Jahre sind seriös miteinzukalkulieren. Vor allen Dingen sollte die Frage nach der mittelfristigen Gemeindeentwicklung kein Tabu sein.  

Zum Thema Gebrauchtorgel ...   

"Unsere abendländische Kultur befindet sich in Zeiten des Umbruchs. Christliche Gemeinschaften sind konfrontiert mit abnehmenden Besucherzahlen und wirtschaftlicher Restrukturierung. Sie suchen häufig nach neuen Verwendungsmöglichkeiten für die oft wertvollen, in Handarbeit erbauten Pfeifenorgeln. Als internationaler Fachhändler für gebrauchte Pfeifenorgeln unterstützen wir die Eigentümer der Instrumente bei der oft schwierigen Suche nach einer neuen Verwendungsmöglichkeit. Unsere internationalen Kontakte ermöglichen es uns den bestmöglichen Preis zu erzielen. Wir zeigen ständig etwa 15 Pfeifenorgeln im einzigartigen Ambiente der Trinitatis Kirche in Wuppertal. Bis zu 100 weitere Pfeifenorgeln werden darüber hinaus über unsere mehrsprachige Website angeboten. Seit Mitte der 90er Jahre konnten viele Instrumente vor der Zerstörung bewahrt und in anderen Kirchen neuen Zwecken zugeführt werden. Wir arbeiten mit kompetenten Orgelbauern zusammen und verstehen uns nicht als Konkurrenten, sondern als sinnvolle Ergänzung."  zur Website von Ladach/Wuppertal     

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Totgeglaubte leben länger - Eine verkaufte Orgel als Ausflugsziel: Lange Zeit habe ich mich gefragt, was denn, nachdem sie einer Nachfolgerin weichen musste, aus der alten Hammer Liebfrauen-Orgel geworden ist. Informationen gab es verständlicherweise recht wenige. Ich wusste vom Hörensagen, dass sie verkauft worden sei. So bekam ich schließlich von einem Geistlichen den Tipp, mich doch einmal in der katholischen Pfarrgemeinde „Vom Göttlichen Wort“ zu Dortmund-Wickede umzusehen. Dort sollte ...  mehr     

Komplexe Abwägungsprozesse    

1. Man mag in diesem Zusammenhang gerne idealtypische Postulate aufstellen, sie werden durch die dräuende Finanznot vieler Gemeinden konterkariert. Die traurig stimmenden Herausforderungen der Kirchen werden diese ohnehin vorhandenen Prozesse, deren Zeitfenster wirklich klein sind, massiv verstärken. Erosion ist wahrscheinlich ein noch sehr verharmlosender Begriff.

2. Es gibt keinen Königsweg, der als Formel mitzuteilen wäre. Jede Gemeinde muss in sich gehen und die verschiedensten Positionen seriös durchdeklinieren und die verschiedensten Partein konsultieren. Der Erwerb einer Gebraucht-Orgel scheint indes eine Lösung zu sein, die vielen Seiten gerecht wird. Nicht jede Gemeinde kann jedoch ein derartiges Projekt auf den Weg bringen und nachhaltig betreuen.  

3. Pure digitale Orgeln sollten nur im „Notfall“ in kirchlichen Räumen installiert werden. Diese Notfälle werden jedoch zahlreich sein wie desolat gewartete Großinstrumente oder Kleinstorgeln mit beschränktestem Einsatzbereich. Und außerdem: Das Original ist nicht zu ersetzen. Diese Feststellung eröffnet weitere Gedanken im Wahrnehmungsraum des Authentischen, so auch dann im liturgischen Kontext, der zwar Kerzen mit recht viel Bienenwachs fordert, aber zugleich Mikrofonanlagen, digital gesteuerte Liedanzeigen und Heizungsanlagen nebst elektrischer Beleuchtung durchaus toleriert.  (mpk) 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

                                                                                                                         

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