Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche   

                                                                                                                                         

                                                                                                                                        

 Update 03.02.2012     

Vom baldigen Stellenwert digitaler Kirchenorgeln                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     

In letzter Zeit fällt zunehmend auf, dass in renommierten deutschen Kirchenmusiker-Fachzeitschriften Digitalorgelhersteller werben. Auch das Thema einer Kombination aus Pfeifenorgel und digitaler Ergänzung gerät mehr und mehr in den Blick. Vor Jahren wäre das alles noch undenkbar gewesen - zumindest ab einem gefühlten Vorherrschen des sog. sich etabliert gebenden Orgelpurismus bekannter Couleur. Dass vermehrt Bedarf an dem kirchlichen Einsatz von Digitalorgeln besteht, zeigt sich indes auch an der neuen Ecclesia-Reihe des niederländischen Digitalorgel-Herstellers Johannus, die serienmäßig ohne interne Lautsprecher (vielerorts als "Hosenbeinbeschallung" bezeichnet) hergestellt wird. Zur Grundausstattung dieser Baureihe gehören jedoch mehrere externe Abstrahlungseinheiten.

Ob man mag oder nicht: Fragen zur sog. digitalen Sakralorgel (oder wie auch immer diese zu bezeichnen wäre) werden in den nächsten Jahren angesichts der kirchlichen Nachlassverwaltung nicht nur auf die Gemeinden, sondern auch auf unvorbereitete "Orgelsachverständige"  (OSV) zukommen. Übrigens stellt diese Bezeichnung einen in gesetzlicher Hinsicht völlig ungeschützten Terminus dar, da es eine gänzlich ernstzunehmende Ausbildung zu dieser Tätigkeit mitnichten zu geben scheint. Es drängt sich nicht nur Insidern immer wieder der Eindruck auf, dass es sich bei dem vermeintlichen Titel "Orgelsachverständiger" um eine persuasive Benennung handelt. Umso mehr wird auf Gemeindemitglieder die Notwendigkeit zukommen, sich mit dem Thema zu beschäftigen: Digitalorgel - ja oder nein? Wenn ja, dann wie bitte? Und: Hat der "Orgelsachverständige" Recht, wenn er im Gegensatz zu einer stattlichen Digitalorgel eine reale Mini-Pfeifenorgel wärmstens empfiehlt?                            

Klein- bis Kleinstpfeifenorgeln befriedigen in der Regel weder die Gemeinde noch den diensthabenden Musiker auf Dauer. Hier liegt dann ebenso ein klanglich wahrnehmbares Missverhältnis vor wie bei einem kleinen Gottesdienstraum mit einer völlig überdimensionierten Digitalorgel von beispielsweise über fünfzig Registern. Unglückliche Digitalorgel-Installationen nach schlechter Beratung und unkundigem Beistand werden weder dem Original noch der Liturgie förderlich sein. In der Tat gibt es abschreckende kirchliche Digitalorgel-Anlagen, die sich durch Sparzwänge, mangelnde Vorbereitung und fehlende Dialektik generiert haben.

Ein heikler Punkt ist bekanntermaßen der Bereich der sog. Abstrahlung und deren Kanalanzahl. Hier wird häufig eingespartes Geld gewonnen und zugleich klangliche Überzeugungskraft verloren. Die Problematik des wenig vorhandenen Geldes gestaltet sich jedoch vielschichtig, da häufig Pfeifenorgel-Leuchtturmprojekte  (zunehmend mit mehreren „authentischen“ Pfeifenorgeln in einem einzigen Kirchraum) die Gesamtlage des kirchenmusikalischen Umfeldes - mit in der Regel bedauernswertem Notbetrieb - eher verschlimmern als bereichern. Um ein Bild zu nutzen: Hohe Rösser müssen selbstverständlich auch gefüttert werden können. Insbesondere dann, wenn sie große Scheuklappen besitzen, wird die Futtersuche heftigst erschwert.                                                                                                    

Akustische Photographie - Virtuelle Pfeifenorgel mit Hauptwerk-System in St. Stephan zu Amstetten:  "Im Rahmen des Abendgottesdienstes um 18:00 Uhr wird Pfarrer Peter Bösendorfer die neue Orgel segnen und damit ihrer Bestimmung übergeben. Am Spieltisch wird Prof. Alfred Halbartschlager sitzen und das neue Instrument zum ersten Mal in der Öffentlichkeit präsentieren. Mit Werken von Franz Schmidt, Johann Sebastian Bach und Olivier Messian startet er in eine neue Ära der Orgelmusik in St. Stephan. Um 20:00 Uhr gibt Prof. Halbartschlager das erste Konzert auf der VPO. Er wird alle drei Orgeltypen, die in dem Gerät stecken, mit jeweils typischen Werken der entsprechenden Orgellandschaft vorstellen: Die norddeutsche Barockorgel wird hörbar mit Werken von Buxtehude und Bach, die engliche Orgel ..." 

hier klicken: Fotos auf der Orgelprojekt-Homepage von der Aufstellung des Spieltisches bis zur Einweihung     

hier klicken: TV-Video mit Prof. Halbartschlager & Peter Voitz      

hier klicken: Bericht des ORF.at

hier klicken: SakralorgelWELT.de   

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Niederländische Orgelprojekte der Fa. Mixtuur.nl mit der Software Hauptwerk  mehr  

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Konkretionen zum Thema                             Kombinations- oder Hybridorgel                                                                                                                     Christoph Klug packte die Experimentierlust an seiner 1972 erstellten Hillebrandt-Orgel (II/20). Den Werdegang der innovativen Orgelerweiterung fasst er wie folgt zusammen: "Bei meinem Fernwerkprojekt ging es mir ursprünglich darum, mit sehr einfachen Mitteln eine Erprobungsplattform zu schaffen. Die ersten Installationen waren nur temporär gedacht – aber aufgrund der sehr positiven Erfahrungen (speziell auch beim liturgischen Einsatz) ist das Fernwerk nun immer spielbereit." Die weiteren Details des Projekts dürften nicht nur für den handwerklich erfahrenen Organisten von Interesse sein.

MIDI-Fernwerk-Klänge an der Hildesheimer Liebfrauen-Orgel:

„Im Frühjahr 2008 wurde das Schwellwerkmanual der Orgel in der Liebfrauenkirche mit einem MIDI System ausgestattet (MIDI = Music Instrument Digital Interface). Dabei wurde das MIDI System im Orgelspieltisch "auf Maß" angefertigt. Ebenfalls "auf Maß" angefertigt wurde im Sommer 2010 die Midifizierung des Pedals. Mit Hilfe von MIDI können elektronische Klangerzeuger (Digital-Piano, Sound-Expander, Computer mit virtuellen Instrumenten) über das Schwellwerkmanual sowie das Pedal, parallel zur Orgel, angespielt werden. Somit ist die Technologie einer "Kombinierten Orgel“ (Pfeife plus elektronische Klangerzeugung) in der Liebfrauenkirche verfügbar! Diese Installation hat Werkstattcharakter, der Pfeifenorgelklang steht im Vordergrund ...“  mehr  

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Wie kann eine Digitalorgel in einer Kirche klingen? Hörproben/Downloads: MP3s mit einer ca. 25.000 € teuren Digitalorgel (zzgl. Abstrahlung!) in einer mittelgroßen Pfarrkirche (St. Martin im Mühlkreis/Österreich)  mehr 

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"Was gute Lautsprecher bringen? Dazu "zitiere" ich mal eine sehr gute Freundin von mir. Sie ist zwar begeisterte Hobby-Sängerin, aber durch die Ungnade der Geburt in eine bildungsferne Familie sind jegliche Versuche, sie einen Unterschied zwischen Prinzipal und Gambe oder Celeste oder nicht Celeste hören lassen zu wollen, völlig zum Scheitern verurteilt. Orgel ist Orgel und fertig. Sie war neulich dabei, als ich meine Rundies an die olle Sweelinck (1.Bauserie von ca. 1990) angeschlossen habe. Nach nicht mal einer Minute Spielen kam von ihr die Rückmeldung "Das klingt ja viiiiiel besser!" Will damit sagen, dass jemand mit ungeschultem Gehör - wie also die Masse von Kirchenbesuchern - diesen Unterschied in der Hardware sofort gehört hat. Ich schließe daraus, dass die heutigen Orgeln mit sehr guten Samples in einigen Jahren durch dann bezahlbare Line Array Systeme (oder was auch immer sich daraus für den Heimbereich ergibt) nochmals aufgepeppt werden können." (aus: Sakralorgelforum)

Weiterführendes zum Thema Abstrahlung: Orgel & HiFi

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Prominentes deutsches Beispiel einer digitalen Orgelergänzung:         die Seifert-Mayer-Orgel der Wiesbadener Bonifatiuskirche  mehr  

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Hausorgelexperiment: Diese Seiten stellen gewiss einen Impuls für die Hauptwerk-Nutzung in kirchlichen Räumen dar. Reizvoll scheint die Möglichkeit zu sein, bei unverschlüsselten Dry-Sets sog. Organ definition files zu entwickeln und sich so eine individuelle Lösung zu schaffen, die erstens einer wenn überhaupt vergleichbaren Digitalorgel preislich und zweitens vor allem aber klanglich um Lichtjahre überlegen ist. Da das Vorbild immer die reale Pfeifenorgel bleibt, wäre es für die Kirchengemeinden fatal, den Klang- und Preisvorteil von Hauptwerk nicht zu nutzen, zumal es ein erheblicher Vorteil des Hauptwerksystems darstellt, Upgrades durchführen zu können. Freilich ist festzustellen, dass auf dem Hauptwerksektor noch relativ wenige Erfahrungen mit derlei Installationen vorzuweisen sind.  mehr                             

          

Kurzum: Wenn schon eine elektronische Kirchenorgel, dann bitte mit Sachverstand und der Bereitschaft, ein klein wenig mehr zu investieren! Und damit kein Missverständnis aufkommt: Digitale Orgeln sollten nur im „Notfall“ in kirchlichen Räumen installiert werden. Gewiss kann man zu akzeptablen bis befriedigenden Lösungen gelangen, deren Identität (bei entsprechender Kaschierung) erfahrungsgemäß nur einem Teil der Liturgie feiernden Gemeinde auffallen wird. Zweifelsohne ist und bleibt ein nie zu überbrückendes Manko die fehlende Sinnlichkeit des Lautsprecherklanges und die „Bedienung via elektrischer Traktur“.                                                                                                                                                                                                                                                         Sollte man dann also doch kleinen Positiven nicht doch den Vorzug geben? Gewiss ist die Dimension eines längeren Zeitraumes mitzubedenken. Welcher Kirchenmusiker mag jahrelang via angehängtem Subbass 16' Anspruchsvolles generieren, vorausgesetzt die analoge Kleinorgel erhält überhaupt ein Pedal? Wäre dann ein ordentlicher Flügel die akustische Alternative zum digitalen Orgelsound? Man mag in diesem Zusammenhang gerne idealtypische Pfeifenorgel-Postulate aufstellen, sie werden durch die dräuende Finanznot vieler Gemeinden konterkariert. Die traurig stimmenden Herausforderungen der Kirchen werden diese ohnehin vorhandenen Prozesse, deren Zeitfenster wirklich klein sind, massiv verstärken. Erosion ist wahrscheinlich ein noch sehr verharmlosender Begriff.

Nochmals: Pure digitale Orgeln sollten nur im „Notfall“ in kirchlichen Räumen installiert werden. Diese Notfälle werden jedoch zahlreich werden wie desolat gewartete Großinstrumente oder Kleinstorgeln mit beschränktestem Einsatzbereich. Keine Frage, das Original ist nicht zu ersetzen. Diese Feststellung eröffnet den Wahrnehmungsraum des Authentischen im liturgischen Kontext, der zwar Kerzen mit recht viel Bienenwachs fordert, aber zugleich Mikrofonanlagen und digitale Liedanzeigen bei elektrischer Beleuchtung durchaus toleriert.  (mpk) 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

                                                                                                                         

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