Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Totgeglaubte leben länger Eine verkaufte Orgel als Ausflugsziel
Lange Zeit habe ich mich gefragt, was denn, nachdem sie einer Nachfolgerin weichen musste, aus der alten Hammer Liebfrauen-Orgel geworden ist. Informationen gab es verständlicherweise recht wenige. Ich wusste vom Hörensagen, dass sie verkauft worden sei. So bekam ich schließlich von einem Geistlichen den Tipp, mich doch einmal in der katholischen Pfarrgemeinde „Vom Göttlichen Wort“ zu Dortmund-Wickede umzusehen. Dort sollte ich dann das Instrument wiedersehen und hören, an dem über viele Jahre mein Orgelunterricht bei der damaligen Kantorin Margarethe Connerth stattfand.
Gesagt, getan. An einem Sonntagmorgen fuhr ich nach Dortmund-Wickede und besuchte das äußerst gut frequentierte und altersgemischte Hochamt um 11 Uhr. Beim Betreten der Kirche musste ich mich bereits nach ein paar Schritten unwillkürlich nach hinten wenden. Äußerlich war nahezu nichts verändert, die beiden großen Gehäuseteile hatte man lediglich etwas weiter auseinandergerückt. Nach den ersten Takten zu Beginn des Gottesdienstes war der Beweis dafür erbracht, dass das äußere Bild nicht trog. Unverkennbarer Liebfrauenklang. Klänge sind prägend. Sie brennen sich tief ein – in Kopf und Herz. Und so dürfte es jedem aus Liebfrauen ergehen, der diesen kleinen Ausflug nach Dortmund-Wickede auch einmal wagt. Alles ist leicht zu finden.
Nun, die jetzt verpflanzte und übrigens ohne Reparaturen gut funktionierende dreimanualige Orgel hat eine bewegte Geschichte hinter sich. 1935/36 leistete man sich in Liebfrauen ein relativ großes Instrument der Firma Feith-Eggert mit 46 Registern. Trotz der Zerstörung der Kirche während des Zweiten Weltkrieges – es war übrigens das erste im Krieg zerstörte deutsche Gotteshaus – konnte die Orgel größtenteils gerettet und zum Hafen ausgelagert werden, um dann in der Notkirche an der Alleestraße in Teilen wieder ein neues Zuhause finden zu können. Nach dem Wiederaufbau der Liebfrauenkirche 1952/53 wurde die in Werl ansässige Firma Stockmann damit beauftragt, die Orgel einem gewissen liturgischen Zeitgeschmack folgend in Altarnähe wiedereinzubauen. 44 Register fanden dort ihren Platz.
1977 entschloss man sich zu einem technischen Neubau auf der erweiterten Westempore, den ebenso die heimatliche Orgelbaufirma Stockmann durchführte. Die "Technik“ (insbesondere durch die Umstellung auf Schleifladen bedingt) und das Orgelgehäuse waren völlig neu. Wesentliche Bestandteile des alten Pfeifenmaterials und der historische Spieltisch wurden hingegen beibehalten. Man entschied sich auch unter dem Einfluss des neobarocken Klangideals, sechs neue und für die Zeit verhältnismäßig behutsam ergänzende Register einzubauen. Dieses damals sehr bedacht entschiedene Projekt kostete die Gemeinde nur erstaunliche und kommunizierbare 190.000 DM. Viele Spender des Neubaus von 1977/78 sind heute noch in der Gemeinde aktiv.
Nach nur 27 Jahren sollte dieser technische Neubau einem weiteren Neubau weichen (Orgelbau Goll AG Luzern III/52). Am 3. Januar 2005 begann der Abbau. Dazu musste alles vom kleinsten Schräubchen bis zur größten über fünf Meter langen Pfeife in 7 Fuhren mit einem 7,5t-Lkw nach Wickede gebracht werden. Aus der Gemeinde war zu erfahren, dass nur relativ geringfügige Ausbesserungen und Ergänzungen durchzuführen waren. Das gilt insbesondere für den sog. "Wasserschaden", der an dieser Stelle ausdrücklich nicht kommentiert werden soll. Strategien dieser Art dürften in der Orgelszene bekannt sein.
Das Werk erhielt neben zwei neuen Registern und einer Registerergänzung eine komplette Neuintonation. In der Osternacht 2005 erklang die ehemalige Liebfrauenorgel das erste Mal in ihrer neuen Heimat. Das Klangbild zeichnet sich durch eine erstaunlich warme und vielschichtige Gravität aus.
So kann ich mich als ehemaliger Orgelschüler dieses Instrumentes glücklich schätzen. Wer die Szene ein bisschen kennt, weiß Folgendes: Orgeln, die heute aus individuellen geschmacklichen Gründen mutatis mutandis "kaputtgeschrieben" wurden und dann "entsorgt" werden müssen, verkauft man in der Regel nach Polen, Ungarn etc. Dieses ist in diesem Falle Gott sei Dank nicht geschehen. Es sind lediglich 30 Kilometer zu überwinden.
Ich werde von Zeit zu Zeit wieder gerne alte Erinnerungen aufleben lassen und dorthin fahren.
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