Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche

                   ISSN 2509-7601






Da die Auseinandersetzungen zum Thema eines anthropogen verursachten und beeinflussbaren Klimawandels über die markant-linearen Züge hinaus auf religiöse Elemente verweisen, seien sie auch in diesem unpolitischen Journal bedacht.

Nota bene: Im Folgenden geht es mir um eine phänomenologische Sichtung der Debatte, die ich mit eigenen Erfahrungen vernetze. Mitnichten wird hier ein inhaltliches Für oder Wider dargelegt. Dass ein achtsamer Umgang mit Ressourcen vonnöten ist, soll außer Frage stehen.

Max Scheler lässt mit Säkularisaten grüßen  

Gehen wir einen ganzen Schritt weiter: Ökologischer Fundamentalismus (ich kürze hier semantisch) ist etwas leichter mit Hilfe der Wertethik Max Schelers zu verstehen. Die intuitive und zugleich ultimative Wertsetzungsbereitschaft scheint kongruent zu sein. Sie paart sich offensichtlich auch mit ehemals religiös-kirchlichen Deutungen, die nunmehr in Form von Säkularisaten wahrzunehmen sind. Sehr deutlich tritt ein solches Säkularisat beim Klimaschutz zutage: Es hat schöpfungstheologische Wurzeln.

Absentismus, merkantile Influencer und Widersprüche

Freitags fallen seit geraumer Zeit unter der Schirmherrschaft der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg Schülerinnen und Schüler durch Absentismus und zugleich radikal-maximale umweltpolitische Forderungen auf (Fridays for Future).

Unmittelbar vor der Europawahl 2019 macht der deutsche YouTube-Influencer Rezo mit dem Clip "Die Zerstörung der CDU" und milionenfachen Klicks auf sich aufmerksam. Das politische Genre ist für ihn neu, zuvor widmete er sich musikalischen Inhalten. Mittelbar wirkt das professionell erstellte Video wie ein Wahlwerbespot zugunsten von Bündnis 90/Die Grünen. Weitere kommerzielle Influencer nutzen diese Gelegenheit und vergemeinschaften sich klickaffin.



In diesem Spannungsfeld wird der Betrachtende unweigerlich von kognitiven und emotionalen Ungleichgewichten bedrängt und durchdrungen, und das unabhängig davon, wo er sich in dieser Klimadiskussion positioniert.

Populismus, Unwissenschaftlichkeit und LOL-Zenit   

Ich habe mir Rezos Rede auch als Audiodatei intensiv angehört. Zur angebotenen - zweifelsohne hypermotorischen - Bildfolge möchte ich nichts Analytisches schreiben. Mir fiel u.a. die Haarfarbe auf, die mich eine bestimmte Partei assoziieren lässt.

Rezos Einlassungen in puncto Klima etc. stellen für mich die beabsichtigte Hauptaussage (siehe 54:21) seines nahezu im Beatbox-Metrum und mit zahlreichen Stimmregisterwechseln dargebrachten Manifestes dar.

Rezo lässt sich sehr wenig auf die Details seiner zahlreichen Behauptungen ein; er verweist stereotyp auf einen wissenschaftlichen Konsens und seine im Clip angegebenen Quellen. Das könne man alles nachlesen. Sein redundantes Argumentationsschema im Dauer-Da-capo: Die Wissenschaft verlangt das, die CDU wollte das auch mal und jetzt macht sie nichts.


Den intellektuell höchst entlarvenden Zenit erreicht er mit seiner Behauptung, dass er bei allen Instituten angerufen und sich dort nach der Unseriosität gegenteiliger Standpunkte erkundigt habe (siehe 9:30).

Ich erlaube mir an dieser Stelle die Bemerkung, nachdem ich hoch sieben zu lachen hatte: Das ist Influencer-Recherche, die das Wort Chuzpe gänzlich neu mit Inhalt füllt. Rezo würde - unabhängig von seiner professionellen Unterstützung durch eine Firmen-Entourage - keine Proseminar-Arbeit in einem gesellschafts- oder geisteswissenschaftlichen Fach mit der dargebotenen dialektischen Naivität je meistern. Da ist er mir mit seinem aggressiven Populismus wirklich unsympathisch.

Rezo offenbar wenig verfassungskonform  


"Es geht hier nicht um verschiedene legitime politische Meinungen. Sondern es gibt nur eine legitime Einstellung." (siehe 52:22) 

Die zugrundeliegende Sicht verstößt nicht nur gegen wissenschaftliche Grundsätzlichkeiten, deren Kenntnis und Einhaltung Rezo penetrant zu beteuern versucht: Eine derartige Grundhaltung deckt sich schlichtweg nicht mit unserem Grundgesetz.

Rezo setzt sich dem Verdacht aus, totalitär zu denken. Sein YouTube-Manifest besitzt ein demagogisch-sophistisches Fundamentum. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, auch wenn wir uns aus guten Gründen beim Ziel einer anzustrebenden Dekarbonisierung völlig einig sind.

Prophetin: Gretas große Schuhe  

Der - kirchlich mitunter als Prophetin wahrgenommenen - Greta Thunberg nehme ich ihre Botschaft schon eher ab, auch wenn ich nicht in die grotesk anempfohlene Panik verfalle und immer noch auf eine Klimapolitik der reflektierten Art hoffe, die auch die Bezieher der kleinen oder ländlichen Einkommen berücksichtigt und die CO2-Emissionen nicht nur verlogen ins Ausland verlagert.

In diesem Zusammenhang sei Erzbischof Heiner Koch aus Berlin explizit verteidigt, wenn er Greta im Bereich des Prophetischen wahrnimmt. Dieses Phänomen lediglich im biblischen Kanon auszumachen, ist lebens- und wohl auch theologiefern. Insofern hat er Recht, wenn er Greta Thunberg als eine junge Frau mit einer über sie hinausweisenden Botschaft wahrnimmt. Man sollte schon genau lesen, was er gesagt hat.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Schuhe womöglich auch zu groß sein könnten. Thomas Söding bezieht im Domradio zu dieser Fragestellung diplomatisch-deutlich Stellung.   

Argumentum ad hominem erlaubt?

Gretas Erfolg mag auch darin begründet sein, dass sie den Widerspruch zwischen Anspruch und Verhalten ihrer Klientel mit ihrer Besonderheit blitzableitend auf den Punkt bringt. Die deutsche Vertreterin ihres Anliegens, Luisa Neubauer (#LangstreckenLuisa), ist für mich um dutzende Flugmeilen weniger überzeugend.


Wie gut, dass die Server dieser Journal-Seiten mit zu 100 % (wahrscheinlich vogel- und insektenschädlichem) Ökostrom betrieben werden. Das nur zum Thema politisch korrekter Hypermoral eines bekennenden Nicht-Fliegers. Schauen wir einmal, wie sich die Dinge entwickeln.  (mpk - Juni 2019)    

                                                                                                                         

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