Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche
Editorial Jahresende 2009
Das Kreuz mit dem Kruzifix, der Campingplatz und das verbotene Weihnachtsfest
Vor langer Zeit hatte ich Kontakte zur katholischen deutschsprachigen Gemeinde Brüssels, deren Gast ich auch sein durfte. Viele Jahre später traf ich auf einem südfranzösischen Campingplatz eine Familie dieser Gemeinde. Der pater familias war "bei der EU beschäftigt". Wohl auf einer etwas bedeutenderen Ebene der Verwaltung, wie es zunächst gar nicht zu vermuten war. Während eines abendlichen Beisammenseins wollte mir das genannte Oberhaupt der einladenden Familie doch allen Ernstes erzählen, dass der Fluss Lippe in meinem Heimatort (Hamm a.d. Lippe) doch sehr deutlich weniger als 10 m Breite besäße. Ich kenne diesen Fluss seit meiner Kindheit und widersprach zwar zunächst merklich, lächelte nach einer Zeit jedoch innerlich und ließ den guten Herrn die These des Mindermaßes mit litaneiiger Inbrunst repetieren. Nun handelt es sich hier auf der zu betrachtenden Ebene gar nicht um die Anzahl der Meter (allein das bekannte Hammer Lippe-Wehr besitzt gleichwohl 18 m Breite) oder gar darum, die Integrität des Genannten zu bezweifeln: Es soll vielmehr um den erstaunlichen Brüsseler Zentral-Blick für Dinge gehen, die man dort noch nie aus eigener Anschauung wahrgenommen hat. Nochmals: Der Mann aus Brüssel hatte den Fluss Lippe noch nie gesehen und sprach dem erfahrenen Augenzeugen den Sensus für die Wahrhaftigkeit mit Nachdruck ab! Wäre ich nicht versöhnlicher Natur, hätte sich sicherlich ein Streit entwickeln können.
Der Verstand mag vielleicht sagen: Ja, das neue Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR), Kruzifixe in den Räumen öffentlicher Schulen seien keineswegs mit der Menschenrechtskonvention der EU (Recht auf Bildung und Religionsfreihet) vereinbar, ist grundsätzlich okay und laizistisch nachvollziehbar. Dass man auf dieses Urteil recht fundamentalistisch ordinär reagieren kann, ist völlig unbestritten. Restbeständliche oder kleinbürgerlich-christentümliche Schulstrukturen, in den Familien zu Erstkommunion und Firmung quasi genötigt werden, sind einfach nur abstoßend. Keine Frage!
Gleichwohl tut sich doch ein sehr großes Unwohlsein auf. Jetzt zu denken, dass ohne Kreuze in Klassenzimmern die sog. Wertevermittlung doch fehlen würde, wäre auch wieder zu kurz gegriffen. Christentum ist viel mehr als Moral im Sinne des vorauseilend gehorsamen Preußentums. Der protestantische Berliner Dom ist ein beredt-hypertropher Steinzeuge dieser säkularisierten Form des innerlich aseptischen Staatschristentums ordnungsmoralischer Art. Dass Kruzifixe auch kaum flächendeckende Klassenzimmerverbreitung (schon gar nicht von Staats wegen) erfahren, ist wohl völlig klar.
Europa definiert sich historisch-kulturell vor allem durch das Christentum. Insbesondere der Humanismus, dem sich heute so mancher verpflichtet fühlt, ist ohne die christliche Basis nicht zu verstehen. Menschenrechte haben ein christliches Fundamentum. Warum sollte man dem nicht das verabredete Bild in der Form des Kreuzes geben dürfen? Was spräche gegen ein "Herkunftslogo" des christlichen Abendlandes? Freilich stellt sich die Frage, ob dieses Bildnis ohne das aktuell gelebte Zeugnis sinnvoll ist und nicht zur Staffage verkommt. Es wäre im Sinne des Europäischen Gerichtshofes noch um vieles anstößiger, wenn ein Lehrer abseits des Religionsunterrichtes Schülern erzählte, dass er ein christliches Fest feiere und er Trost in seinem Glauben anlässlich verschiedener Herausforderungen finde. (Freilich wäre hier der vielerorts übliche Klerikerton, der selbst in der Ich-Form nie so richtig konkret wird, alles andere als dienlich.)
Es geht letzlich um die Bereicherung einer Kultur durch das Nahrhafte, das in befreiender Weise auf die Lebensfülle verweist, die uns über den Alltag hinaus oder auch gerade in diesem transzendiert und dich und mich tragen kann.
Aus dem Festvortrag „Die Rolle der Kirche im gesellschaftlichen Wandel: Erfahrungen, Ansprüche und Herausforderungen für die Zukunft“ von Dr. Thomas de Maizière - Bundesminister des Innern anlässlich der Festveranstaltung 60 Jahre Evangelische Akademie Meißen am 31. Oktober 2009 in der St. Afra-Kirche, Meißen "...Diese kulturelle Tradition ist in Deutschland vielschichtig und natürlich nicht ausschließlich christlichen Ursprungs. Hinzu kommt: Kultur ist nicht zeitlos und statisch; sie wandelt sich in den Bewegungen der Geschichte. Aber anders als politische Formen, die durch Revolutionen verändert werden können, wandelt sich die Kultur niemals abrupt. Sie setzt nicht völlig Neues an die Stelle des Alten, sondern nimmt das Alte auf und formt es allmählich zu neuer Gestalt. Das Nachlassen kirchlicher Prägung und das Vordringen anderer Religionen verändert unsere kulturelle Identität, ohne sie aufzuheben. Das kulturelle Gedächtnis eines Volkes ist länger, als es die Verfechter der so genannten multikulturellen Gesellschaft wahrhaben wollen. Wie uns die Meinungsumfragen zeigen (zum Beispiel der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung), reicht auch das kulturelle Gedächtnis der Einzelnen weit über deren innere Bindung an die Kirche hinaus. Das christliche Erbe unserer Kultur ist darin eingeschlossen. Es ist Aufgabe des freiheitlichen, des religiös neutralen Staates, dessen Säkularität sich nicht zuletzt diesem Erbe verdankt, es in Toleranz und Freiheit zu pflegen und zu bewahren. Denn damit pflegt und bewahrt er die Grundlagen unserer staatlichen Gemeinschaft selbst. (Hervorhebung durch d. Red.)Christliche Werte in der Politik gibt es nicht ohne gläubige Christen, die sich politisch engagieren. Deshalb ermuntere ich immer wieder zu beidem: zum aktiven Christsein und zur politischen Beteiligung!" http://www.ev-akademie-meissen.de/...Festvortrag_Bundesminister.pdf
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Kann es sein, dass die Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in einer zentralistischen Hybris gar nicht wissen und fühlen können, um welche sinnstiftende Identitätsverabredung sie Generationen nachhaltig betrügen werden - unter der Voraussetzung, dass das Urteil befolgt wird. Insofern könnte es sich aber noch als Bärendienst am Projekt Europa erweisen.
Allerdings: Was ist mit Weihnachten? Folgerichtig wäre es, das Feiern des Weihnachtsfestes in Schulen strengstens zu untersagen. Und was soll überhaupt mit den Ferien in dieser Zeit geschehen? Von Ostern wollen wir erst gar nicht reden. Und den anderen christlichen Freizeitfeiertagen auch nicht. (mpk)