Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche   

                                                                                                                                                                                                                                                                                   

 überarbeitet                                                                                        

Hans Küng, Herbert Vorgrimler und die Aufsässigkeit    
                                                                                                                             Gar keine Frage: Hans Küng kann schreiben - und wie! Spannend, umfassend informativ und persönlich aufrichtig. Es ist eine Lust, seine mehr als zahlreichen Zeilen zu lesen, um einmal Ulrich van Hutten sinngemäß miteinzubinden. Freilich wäre es eine Verkennung der Textsorte "Autobiographie" zu meinen, dass ein derartiges Unterfangen gänzlich ohne Selbstdarstellung und Polemik geschehen könnte, was Küng mit bestem Erinnerungsvermögen (oder zumindest sehr präzisen Aufzeichnungen) schreibt. Denn erstens ist ihm seitens der sog. Amtskirche zu übel mitgespielt worden und zweitens bleibt eines bei allen ausgesprochenen Wertungen recht deutlich: Küng kennt sich und die Partner im theologisch-kirchenpolitischen Streit nur zu genau. Sich und die Antagonisten weiß er differenziert und reflektiert darzustellen. Dass ihm, dem Theologie-Professor "ein journalistischer Stil" aus rückwärtsgewandten Kreisen nachzusagen versucht wird, zeugt eher vom akademischen Neid des bekannten didaktisch-universitären Unvermögens und bestätigt seine eloquente Kunst nur umso mehr.  

Küngsche Hybris der Provinz?

Küng schreckt keinesfalls davor zurück, in oft sympathischer Weise für sich Partei zu ergreifen. Aber er scheint immer wieder zum Perspektivwechsel und zur weiteren Differenzierung fähig. Das gilt sowohl für den inkonsequent, ja irgendwie tragisch erscheinenden Karl Rahner als auch für Joseph Ratzinger (nach dem Gang durch die Institutionen heute "B 16"), dem er bei aller Unterschiedlichkeit gerecht zu werden sich bemüht. Gleichwohl wirkt sein Aufrechnen mit Ratzinger hin und wieder auch etwas überheblich und dann wenig angebracht. Hier läuft es dann leider auf die konstruierte Hybris folgender Art hinaus: betuchte Schuhhändlerfamilie der Schweizer Provinz mit Hans im Glück vs. kleinbürgerliche Gendarmenfamilie aus Oberbayern mit hochbegabtem Joseph.

Herbert Vorgrimler: Aufsässigkeit 

Bezogen auf den Beginn der Küngschen Jahre zu Tübingen schrieb Eberhard Jüngel in der FAZ: "Die exegetische Begründung theologischer Behauptungen und kirchlicher Ansprüche wird Küng von seiner eigenen Kirche nunmehr penetrant einfordern." Und damit kommen wir angesichts dieser diagnostizierten Penetranz auch auf die Autobiographie des Kollegen und Münsteraner Theologieprofessors Herbert Vorgrimler zu sprechen. Vorgrimler erwähnt Küng lediglich an einer einzigen Stelle, was erstaunlich genug ist. In diesem Halbsatz wird der Kollege Küng der "Aufsässigkeit" bezichtigt.

So kann es kommen: Vorgrimler, der durch die Selbstgerechtigkeit sogenannter konservativer Katholiken und deren Seilschaften über Jahrzehnte immer wieder zu leiden hatte, erkennt nicht die treue Geradlinigkeit des Schweizer Theologen, der seinen Weg stringent gegangen ist. Wahrscheinlich spielt in diese Wertung des Rahner-Schülers Vorgrimler die unausgefochten erscheinende Auseinandersetzung zwischen Küng und Rahner hinein. Abgesehen von diesen Subjektivismen bleibt die Feststellung eines akribischen Einbezugs zeitgenössischer Exegese ein wesentlicher Bestandteil der theologischen Arbeit Küngs. Dieses war Rahner - wie auch anderen Zeitgenossen - wesentlich fremd. 

Ratzinger und der Gesinnungswandel  

Eine Frage wird immer wieder deutlich: Hat sich jetzt Ratzinger im Laufe der Jahre verändert? Ja oder nein? Küng neigt eher zum Ja und erklärt dieses mit dem purpur-süßen Gift kirchlicher Karrieren, was zweifelsohne auch in anderen Fällen deutlich wird, mag das berufliche Fortkommen des Betroffenen auch noch so marginal sein. Küng erwähnt die widersprechenden Thesen seines Schülers Hermann Häring, der bei Ratzinger nach eingehenden Studien von Anbeginn die Konstante einer verklärten Phase der frühen Kirche festzustellen vermag, die zu Beginn seiner Laufbahn allerdings innovativ erschien. Es ist müßig, hier über die größere Wahrheit zu spekulieren, denn dazu ist das Leben samt seines Vollzugs zu komplex.

Fakt bleibt: Ratzinger verabsolutiert den Eintritt des Christentums in die hellenistische Gedankenwelt mit einer gewissen subjektiven Auswahl und widmet sich dekadenztheoretisch dem anscheinend relativistisch einherschreitenden Zeitgeist, dem er immer wieder seufzend und zugleich wetternd die Leviten zu lesen versucht.   
                                                                                                                      Vorgrimler als Krankenhauspfarrer  

Küngs Rolle während des II. Vatikanums erscheint spannend und interessant. Und das macht den Unterschied zu Vorgrimler aus: Während Hans Küng durch die Welt reist, in den Medien wie ein Star gefeiert wird, verbleibt Herbert Vorgrimler in den Mauern des theologischen Innenlebens - bienenfleißig und im Schatten Karl Rahners, was ihn zunächst ehrt. Seine weitere Lebenswegdarstellung stellt in besonderer Weise den deutschen Fakultätsalltag in Verbindung mit sehr Persönlichem dar, wobei die Schilderungen unangenehmer Intrigen nicht nur von einer unverheilten Verletztheit zeugen, sondern auch Einblicke in die Realitäten des christentümlichen Alltags gewähren. Die Entscheidung Vorgrimlers, selbst im hohen Alter noch die Seelsorge in einem großen Münsteraner Klinikum in die Hand zu nehmen, verlangt Achtung und Respekt. Theologie ist Biographie.

Bei Hans Küng hat man derweil den Eindruck, dass ihm diese Erfahrung des seelsorglich Bodenständigen fehlt, ebenso wie bei so manchem Ex-Jungpriestern, die sich ob der alltäglichen Herausforderungen unvermittelt für eine kirchliche Sonderaufgabe abordnen lassen. Küng unterscheidet sich freilich von diesen Seelsorge-Flüchtigen durch seine exorbitante Begabung, die ihm selbst Paul IV. spiegelte, als er auf sein Dossier schrieb, dass er - Hans Küng - mit Liebe zu behandeln sei.   

Conclusio  

Das insgesamt intimere und bescheidenere Zeugnis liefert Herbert Vorgrimler. Es besitzt Stärken, die einem erst im Nachhinein aufgehen. Die Feinarbeit im mühevollen Fakultätsalltag, die Kämpfe hinter den Kulissen, die Freundschaften und Konfliktpartner, all das kann Vorgrimler recht transparent und auf warmherzigem Wege übermitteln.                                                                                                            
Die analytische Sichtung der theologiegeschichtlichen Zusammenhänge wird in Hans Küngs Bänden als gut gebündelte Synopse deutlich. Kurzum: Wer sich beispielsweise über kirchenpolitische Strömungen, theologische Zusammenhänge und repräsentierende Fakten des II. Vatikanums - in einer ausgesprochen analytischen und zugleich unterhaltsamen Weise - seriös informieren lassen möchte, der kommt um die Küngschen Seiten nicht herum.  (mpk)

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Leseprobe Hans Küng

"Zum Gespräch beim Großinquisitor

Auf Donnerstag, 14. Oktober 1965, 12 Uhr hat er mich bestellt - in den Palazzo des Sanctum Officium im ersten Stock. Sein Auftritt hätte nicht theatralischer inszeniert werden können: Beim ersten mächtigen Glockenschlag der Peterskirche werden die beiden Flügeltüren des Saales gleichzeitig mit einem Knall von einem Monsignore aufgestoßen, und im Türrahmen steht er in seiner ganzen purpurnen Pracht: der vielgefürchtete Großinquisitor, der Chef des Sanctum Officium, Kardinal Alfredo Ottaviani. Und schlägt das Kreuz und betet laut: "Angelus Domini nuntiavit Mariae - der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft." Ich antworte mit fester Stimme auf Latein: "Et concepit de Spiritu Sancto - Und empfing vom Heiligen Geist." Und so abwechselnd der ganze "Angelus Domini" mit seinen drei Ave Maria. Ich kann den Gedanken nicht verscheuchen, wie da wohl andere, an solche fromme römische Sitten nicht gewöhnt, verdattert dagestanden hätten. ...

Was soll ich dem Chef des Offiziums nun sagen? Nachdem ich ihm sehr lange zugehört habe, unterbreche ich ihn freundlich: "Eminenza, darf ich nun auch etwas sagen?" Er: "Sì, sì, si capisce." Ich: "Eminenza, Lei sa: sono ancora giovane. - Sie wissen, ich bin noch jung." Da geht plötzlich ein Leuchten über das zerfurchte Gesicht des halbblinden 75jährigen Bäckersohnes aus Trastevere, der sich durch all die Jahre um ein dortiges Waisenhaus kümmerte: "Sì, sì, questo è vero, Sie sind noch jung, und als ich noch jung war, da hab ich auch viele Dinge gemacht, die ich später nicht mehr machte ..." Und so redet er weiter - offenkundig war er doch nicht so ganz "immer derselbe". Ich hatte zu seinem Herzen gesprochen, und er hat es mir ein wenig geöffnet. Dann versuche ich ihm einiges verständlich zu machen, wie ich zu Rom und dem Papst stehe. ..."  mehr unter "Leseprobe" in der Mitte der Seite                                                                

                                                                                   

                                                                                                                         

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